Martina Bergmann > Mein Leben mit Martha <

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Martina kümmert sich um Martha. Martha ist Mitte achtzig und in einer > poetischen Verfassung <. So nannte es Heinrich, der Mann, mit dem Martha fast vierzig Jahre zusammen lebte . Aber jetzt ist Heinrich tot, und Martina beschließt, sich der alten Dame anzunehmen, ohne mit ihr verwandt zu sein oder sie auch nur gut zu kennen. Sie gründet mit ihr eine Wohngemeinschaft der anderen Art. Kann das gutgehen ? ( So der Buchrückentext. )

Marthas > poetische Verfassung < wird geläufiger als Demenz beschrieben. Sie bemüht sich, alle für sie wichtig erscheinenden Informationen aufzuschreiben. Dies klappt mal mehr und mal weniger. Die Demenz, hat ihr ihre direkte und forsche Art nicht genommen, sondern nur verändert. Martha kommt sehr gut klar mit ihrer geistigen Veränderung, doch ihr Umfeld tut sich schwer. Manche Nachbarn beobachten sie argwöhnisch bei ihren Aktivitäten. Restaurantbesuche mit unemphatischen Personal enden peinlich. Martha hat studiert und ihr Leben gemeistert, nun ist sie aus dem Vakuum der Normalität gefallen und muss sich so manche Unverschämtheit gefallen lassen. Am liebsten möchte man sie > wegsperren <. Doch die Buchhändlerin Martina, nimmt sich ihrer an. Das hat sie Heinrich versprochen. Doch dieses Unterfangen gestaltet sich kräftezehrend.

>Du musst nicht meinen, sie sei dumm < sagte Heinrich später. > Sie war immer geistreich, und das ist sie bis heute. Sie ist nur irgendwie verschaltet.<

Martina Bergmann hat ein literarisches Plädoyer für das würdevolle Zusammenleben der Generationen geschrieben. Sie schildert ihr Leben mit Martha auf liebe – und humorvolle Weise. Der Roman wirkt schnörkellos Klar und weckt die Lust auf ein buntes und bereicherndes Leben im Alter. Wir brauchen mehr Martinas für die vielen Marthas! Innige Leseempfehlung !

Eisele Verlag GmbH / ISBN: 978-3-96161-053-2 / 222 Seiten

Martina Bergmann wurde 1979 in Ostwestfalen geboren und wuchs dort auf. Nach dem Abitur floh sie in große Städte. Sie ist ausgebildete Verlagsbuchhändlerin und studierte Geisteswissenschaften. Mit dreißig bekam sie Heimweh. Ihr Schreibtisch steht seither in Borgholzhausen, wo sie als Autorin, Verlegerin und Buchhändlerin arbeitet. Seit einigen Jahren lebt sie in Gemeinschaft mit einer alten Dame in poetischer Verfassung und ist glücklich dabei.


Jutta Maria Herrmann > Wähle den Tod <

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Jana Langenfeld hat alle Brücken zu ihrem alten Leben eingerissen. Als liebevolle Gattin und Mutter lebt sie vor den Toren Berlins. Niemand ahnt, dass Jana nicht die ist, die sie vorgibt zu sein. Doch als sie eines Morgens den Familienhund tot im Garten findet, kehrt die Angst zurück, und mit ihr die Erinnerung an ein längst vergangenes Unrecht. Dann verschwinden Janas Kinder und Jana muss erkennen: Wenn dich die Vergangenheit einholt, wird die Gegenwart zur Hölle auf Erden … ( so der Klappentext)

Dies war mein vierter Psychothriller von Jutta Maria Herrmann den ich nun gelesen habe. Buch fünf in dieser Art wird wohl im April erscheinen. Die Bücher bedienen keine Reihenfolge und dennoch darf ich sagen, die Qualität steigt von Buch zu Buch. Das ist wunderbar und begeistert mich sehr.

Wie immer hält die Autorin den Spannungsbogen, zum bersten gespannt. Lügen die viele Jahre sich festigen konnten, werden nun zu einer großen Bedrohung. Sie schleichen sich in kleinen Dosen in den Alltag und drohen zu einem großen Ganzen zu werden, dass durch einen Funken ausgelöst, das Lügengebilde zur Explosion hin steuert. Und genau darin liegt die Stärke von Jutta Maria Herrmann. Meine eigenen Ermittlungsversuche wurden immer wieder vereitelt. Das Finale hallt nach! Sehr gut, Jutta Maria Herrmann, ich freue mich schon auf Buch fünf!

5 von 5

Knaur Taschenbuch / ISBN: 9783426519981 / 301 Seiten

Die deutsche Autorin Jutta Maria Herrmann, hat Germanistik und Filmwissenschaften studiert und im Anschluss daran als Buchhändlerin, Putzfrau, Sekretärin und Synchrondrehbuch-Autorin gearbeitet. Ihren ersten Thriller „Hotline“ veröffentlichte die ehemalige Veranstalterin von Punkkonzerten, die mit der Hausbesetzerszene sympathisierte, im Jahr 2014. Inzwischen veröffentlichte die Schriftstellerin, die in der Politikredaktion einer Tageszeitung arbeitet, mehrere Psychothriller.

Tore Renberg > Von allen Seiten <

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Norwegen, Ben und sein älterer Bruder Rikki, fristen ihrem Dasein bei ihrem geizigen und gewalttätigen Vater und ihrer psychotischen Mutter. Der einzige Wermutstropfen der beiden, der sich in der Adoleszenz – Phase befindlichen Jugendlichen, ist das schnüffeln von Benzin. Doch dann, hat der intelligente und charismatische Ben einen unglaublich waghalsigen Plan. Zusammen mit seinem Bruder Rikki will er sich auf den Weg zu Onkel Rudi machen um mit ihm gemeinsam, dem grauenhaften Vater seines vielen Geldes zu berauben.

Rudi und sein Bruder sind sich verhasst und jede Art von Kontakt ist abgebrochen. Er lebt mit seiner schwangeren Freundin Cecilie und seinem besten Freund Jan Inge gemeinsam in einem Haus. Rudi freut sich sehr auf den Nachwuchs und möchte sein chaotisches und gewaltbereites Leben gerne ändern. Er arbeitet daran. Rückfälle nicht ausgeschlossen. Auch Jan Inge möchte sein Leben positiv verändern, doch dafür benötigt er Geld, viel Geld .

Tommy Pogo, Leiter der Projektgruppe > Wiederholungstäter < bei der Polizei, beschäftigt einen Spitzel der die > schwarzen Schafe < beobachtet und aushorcht. Dieser Spitzel, selbst einiges auf dem Kerbolz, hat den nächsten Coup am Start.

Drei Erzählstränge fügen sich hier zum großen Ganzen, speedmäßig zusammen. Doch das Schicksal wählt einen ganz anderen Weg. Tore Renberg glänzt mit einer dichten Story, die an Intensität, schrägem Humor und absoluter Spannung kaum zu toppen ist. Sein brillianter Erzählstil ist teilweise obszön und hemmungslos anmutend, doch dies verleiht dem Ganzen die gewisse Würze. Mit einem rasanten Tempo fliegen die Seiten nur so dahin und lassen uns in faszinierende Situationen abtauchen. Und ganz obendrauf, nach all der großen Spannung, der Tragik und des wärmenden Humors, kredenzt er uns als Sahnehäupchen, die Angst. Tore Renberg, gehört zu einer meiner Entdeckungen 2019! Wärmste Leseempfehlung !

5 von 5

Wilhelm Heyne Verlag / ISBN: 978-3-453-27145-6 / 541 Seiten

Tore Renberg, 1972 in Stavanger geboren, ist Schriftsteller und Musiker. Seit seinem Debüt 1995 hat er mehrere preisgekrönte Romane geschrieben, die durch ihre Sprachgewalt für Aufsehen sorgten. Der kommerzielle Durchbruch gelang mit »Mannen som elsket Yngve« (»Der Mann, der Yngve liebte«), der zu einem der meistgelesenen Romane des Jahrzehnts in Norwegen avancierte und später erfolgreich verfilmt wurde.

Angela Lehner > Vater unser <

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Eva Gruber, wird von der Polizei in die psychiatrische Abteilung eines alten Wiener Spitals gebracht. Sie erzählt dem Chefpsychiater Doktor Korb, warum es so kommen musste. Aufgewachsen in einer erzkatholischen Kärntner Dorfidylle. Sie erzählt vom Zusammenleben mit ihren Eltern und ihrem Bruder, der seit langem krank ist. Auf ihren Vater ist Eva nicht gut zu sprechen. Sie würde ihn am liebsten umbringen.

>Ein freier Tod ist eine Gnade, die einem die Gesellschaft nicht zugesteht.<

Eva erweckt den Anschein, dass sie ihren Bruder retten will. Dieser ist ebenfalls im selben Spital. Behauptet sie deshalb, dass sie Kinder eines Kindergartens getötet hat, um ihm nahe zu sein ? Verfolgt sie eine Strategie ? Ja, nein, vielleicht………….

Intrigant und gemeingefährlich , gespickt mit Intelligenz, ist eine explosive Mischung. So wirkt Eva auf ihr Umfeld. Ist sie wirklich so, oder führt sie alle an der Nase herum ? Der Bruder hingegen, scheint äußerst labil, schwach und unfähig. Bernhard, ist nicht erfreut Eva wieder zu sehen und begegnet ihr mit Ablehnung und Misstrauen. Was hat Eva vor?

Fragen über Fragen, ziehen sich durch diesen Debütroman von Angela Lehner. Kaum, scheinbar einer Lösung nahe, wird die nächste Lüge präsentiert. Aber was ist denn hier die Wahrheit, und was die Lüge ? Angela Lehner versetzt den Leser* ist eine gefühlsmäßige, chaotisch und turbulente Achterbahnfahrt. Die Story heizt mit Tempo vom einem zum anderen Debakel. Gemütliche Lesezeit funktioniert anders, aber so ist auch der Roman gehalten: schnell, frech, rotzig !

Ich habe das Buch gerne und mit Spannung gelesen. Es ist besonders ! Doch kann ich es nicht wirklich einordnen, da sich mir der Sinn der Story nicht wirklich erschlossen hat. Es lässt mich nachdenklich zurück.

Hanser Verlag / ISBN: 978-3-446-26259-1 / 284 Seiten

Angela Lehner, geboren 1987 in Klagenfurt, lebt in Berlin. Für ihr Schreiben hat sie mehrere Literaturpreise und -stipendien erhalten. “ Vater unser “ ist ihr erster Roman.

Heinz Helle > Eigentlich müssten wir tanzen <

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Eine Gruppe junger Männer verbringt ein Wochenende auf einer Berghütte. Als sie ins Tal zurückkehren, sind die Ortschaften verwüstet. Die Menschen sind tot oder geflohen, die Häuser und Geschäfte geplündert, die Autos ausgebrannt. Zu Fuß versuchen sie, sich in ihre Heimatstadt durchzuschlagen. Sie funktionieren so gut sie können. Tagsüber streifen sie durch das zerstörte Land, Nachts durch ihre Erinnerung. Auf der Suche nach dem Grund am Leben zu bleiben. ( So der Klappentext)

Der Ich – Erzähler ist mit seinen Kumpels Fürst, Golde, Drygalski und Gruber unterwegs. Sie versuchen sich durch Reste, die sie in geplünderten Häusern und Läden finden, am Leben zu halten. Die Stimmung zwischen ihnen ist deutlich abgekühlt. Der Kampf um das nackte Leben hat sie alle auf das furchtbarste überrollt. Traumatisiert versuchen sie ihr Glück.

>Andere Fragen werden seltener. Wir sind ein über mehrere Körper verteilter Wille geworden, und neben dem Teil des Willens, den jeder von uns in sich trägt, ist kein Raum für irgendetwas anderes.

Wir wollen leben. <

Gespräche unter den Freunden, werden nur über die Notwendikeiten des Tages geführt. Wer sammelt Holz, wer holt Wasser, wer macht Feuer, wer hat ein totes Tier.

Werden es die fünf allesamt schaffen ? Werden sie gemeinsam überleben ?

Heinz Helle hat sich mit diesem Buch, an existentielle Fragen heran gewagt. Was bedeutet Freundschaft im Angesicht des Todes ? Und was bedeutet Leben, wenn das einzige, was bleibt, der Kampf gegen das Verhungern ist? Diese Apokalypse die hier beschrieben wird, ist von einer massiven und beklemmenden Art. Die Verrohung der Menschheit geschieht in sehr kurzer Zeit. Ebendas macht der Autor in einigen Situationen deutlich sichtbar. Die Story ist dicht und ohne Schnörkel, und gerade dies fängt die Gegebenheiten besonders heftig ein. Wer eine Schwäche für Dystopien hat, ist hier gut aufgehoben. Aber auch für neugierige Leser*, bietet dieses Buch interessante Einblicke. Klare Leseempfehlung !

4 von 5

Suhrkamp Verlag / ISBN 978-3-518-42493-3 / 172 Seiten

Heinz Helle, geboren 1978, Studium der Philosophie, Arbeit als Texter in Werbeagenturen, Absolvent des Schweizerischen Literaturinstituts, lebt mit Frau und Kind in Zürich. Sein Romandebüt Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin stand auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises 2014. Sein zweiter Roman, Eigentlich müssten wir tanzen, war für den Deutschen Buchpreis 2015 nominiert.


Joey Goebel > Irgendwann wird es gut <

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>Irgendwann wird es gut < dies scheint der allgemeine Slogen der Stadt Moberly, in Kenntucky, zu sein. Anthony Dent bereitet jeden Abend kurz vor sechs Uhr zwei Drinks zu. Für sich und seine Angebetete. Sie kommt wie immer pünktlich, im Fernsehen. Anthony nimmt eine Chance wahr > seine Frau < endlich kennen zu lernen. In real life !

Elena und Paul Bockelmann, Mutter und Sohn, sind ein tragisches Paar in Moberly. Beide sind geplagt von Depressionen und Zusammenbrüchen. Doch sie halten rührend zusammen. Immer in der Hoffnung nach Besserung der Gemütslage.

Luke, Ryan und Kevin sind eine junge Band, die vor ihrem ersten Auftritt steht. Sie üben, organisieren und sind sehr aufgeregt. Wird das Publikum ihre Musik mögen?

Die junge Aushilfslehrerin Stephanie, macht ihren Kursteilnehmern ein ungewöhnliches Angebot. Einer nimmt es an.

Dan ist genervt ! Sein Leben läuft seit längerer Zeit unrund. Erschwerend dazu muss er täglich während der Arbeitszeit einen bestimmten Radiosender hören. Seine Chefin will dies so. Eines Tages beschließt er dem Moderator seine Meinung kund zu tun.

Matt steigt in einem Motel ab. Im Gepäck einige Dosen Bier. Mit jeder getrunkenen Dose fühlt er sich einsamer. Seine Versuche mit anderen Motelbewohnern in Kontakt zu treten gestalten sich zäh bis aufregend.

Die zwöljährige Charly, freundet sich mit Mr. Baynham an. Sie führen intelligente und sehr höfliche Gespräche. Doch böse Zungen sehen diese Zweisamkeit unter anderem Licht.

Bubbles, eine deutsche Dogge, ist für seine sehr betagte Herrin, das ein und alles. Doch dieser Hund ist zu mehr fähig.

Beth liegt im Krankenhaus, sie erwartet ihren Retter. Dieser offenbart ihr den wahren Grund seiner Tat.

Winston Hermann hat seit drei Jahren sein Haus nicht mehr verlassen. < Er hat der Welt den Rücken gekehrt.< Jedoch eines Tages, bei einem Blick aus dem Fenster, sieht er eine Frau die ihn fasziniert. Ab da sieht er sie täglich vorbeigehen. Was wird er tun ?

Joey Goebel ist hier ein besonderer Plot gelungen. Zehn Story´s rund um die Bewohner aus Moberly und alle sind irgendwie mitteinander verwoben. Ob als Freund, Nachbar, Kollege oder Familienmitglied. Er schreibt lässig, mit Blick auf die Gefühlswelt. Diese ist skizzenhaft tragisch angehaucht. Joey Goebel schafft es, auch die fragmentarischen , ausweglosen Situationen mit einer guten Portion an Humor zu versüßen. Dieser ganze Moberly – Brei hat es in sich. Die Zutaten sind gut gewählt, Depression und Manie, Angst und Mut, Verzweiflung und Hoffnung. Sie geben gut temperiert eine homogene Konsistenz. Diesen Brei löffelt man mit Genuss! Klare Leseempfehlung !

5 von 5

Diogenes Verlag / ISBN: 978-3-257-07059-0 / 313 Seiten

Joey Goebel, 1980 in Henderson, Kentucky, geboren, ist Schriftsteller, Drehbuchautor, Musiker – ein weltweit gefeiertes Multitalent. Seine Romane ›Vincent‹, ›Freaks‹ und ›Heartland‹ wurden in 14 Sprachen übersetzt. Joey Goebel hat einen kleinen Sohn und lebt in Henderson, wo er englische Literatur unterrichtet.

Dörte Hansen > Mittagsstunde <

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Ingwer Feddersen, Archäologe und Hochschullehrer, kehrt seinem Kieler Domizil, den Rücken, um nach 25 Jahren in sein nordfriesisches Heimatdorf Brinkebüll zurückzukehren. Seine Großeltern benötigen seine Hilfe. Die Großmutter Ella ist demenziell erkrankt und der Großvater Söhnke, versucht in seinem hohen Alter noch die Stellung in seinem verlebten Gasthof zu halten.

Ingwer selbst hat das Sabbatical gewählt, schon um seinen Großeltern bei zu stehn, aber auch um in verschiedenen Angelegenheiten seines Lebens eine klarere Sicht zu erlangen. Er wohnt seit vielen Jahren in einer WG, mit Ragnhild, mit ihr führt er eine langjährige Beziehung, und mit Claudius. Die Luft ist raus. Doch was nun ?

Brinkebüll hat sich sehr verändert, der Fortschritt hat auch hier nicht halt gemacht. Es gibt keine Schule mehr im Dorf, keinen Bäcker und keinen Kaufmann. Auf den Feldern keine Kühe, nur noch Mais und Wind. Doch noch immer steht Söhnke Feddersen hinter seinem Tresen.

Mit großer Geduld umsorgt Ingwer seine Großeltern, die ihn wie ihren Sohn aufzogen, da seiner Mutter, dies nicht möglich war. Viele Geheimnisse werden im Dorf gehütet, nur ab und an wollen sie an die Oberfläche, um sie dann wieder für lange Zeit zu ignorieren.

> Es gab in Brinkebüll viel Ungesagtes, manches schwebte jahrzehntelang durchs Dorf, von Haus zu Haus, von Hof zu Hof. Mal landete es kurz, wenn jemand ein paar Worte fallen ließ, betrunken meistens, nicht sehr treffsicher. Dann trieb es weiter, Angehauchtes und Vermutetes und Unaussprechliches und halb Vergessenes.<

Dörte Hansen hat ein ruhiges Buch geschrieben, ein sehr ruhiges Buch! In wunderschönen Worten, wie eine liebevoll gehäkelte Spitzeborte, führt sie uns nach Brinkebüll. Sie erzählt von der Gegend und den Menschen, sie sagt aber nichts. Der Plot ist im wahrsten Sinne – platt! Klar, gibt es auch gelungene Geschehnisse, doch die sind leider für die 319 Seiten einfach zu wenig. Mittagsstunde hat mich in einem Moment getroffen, an dem ich nicht sehr empfänglich für in die Länge gezogene Beschreibungen war. Schade !

3 von 5

Penguin Verlag / ISBN:978-3-328-60003-9

Dörte Hansen, geboren 1964 in Husum, arbeitete nach ihrem Studium der Linguistik als NDR-Redakteurin und Autorin für Hörfunk und Print. Ihr Debüt »Altes Land« wurde 2015 zum »Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels« gekürt und avancierte zum Jahresbestseller 2015 der SPIEGEL-Bestsellerliste. Ihr zweiter Roman »Mittagsstunde« ist im Herbst 2018 erschienen und wird von Lesern und Kritik gefeiert. Dörte Hansen lebt mit ihrer Familie in Nordfriesland.

Daniela Krien > Die Liebe im Ernstfall <

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Sie heißen Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde. Sie kennen sich, weil das Schicksal ihre Lebenslinien überkreuzte. Als Kinder und Jugendliche erlebten sie den Fall der Mauer, und wo vorher Grenzen und Beschränkungen waren, ist nun die Freiheit. Doch Freiheit, müssen sie erkennen, ist nur eine andere Form von Zwang: der Zwang zu wählen. Fünf Frauen, die das Leben aus dem Vollen schöpfen. Fünf Frauen, die das Leben beugt, aber keinesfalls bricht. ( So der Klappentext )

Paula, sie und Ludger waren verheiratet. Als das erste Kind geboren wurde, schien beider Glück perfekt. Doch der Tod des zweiten Kindes reißt die Eltern in eine schwere Krise. Paula verliert den Boden unter ihren Füßen. Ist ihre Ehe noch zu retten ? Will sie diese nun zerrüttete Gemeinschaft aufrecht erhalten. Muss sie stark sein und ihre Rolle weiter spielen ?

Judith, vielbeschäftigte Ärztin und Pferdenärrin. Ihre Versuche, einen kultivierten Mann ins Bett und auch in ihr Leben zu bringen, gestaltet sie durch Internet – Dating – Foren. Ein Unterfangen, das so manche Überraschung mit sich bringt.

Brida, die Schriftstellerin und Götz, der Tischler und Restaurator. Voller Illusionen werden sie zum Paar und zu Eltern. Doch beider Auffassung von einem Familienleben, klaffen auseinander. Der Drahtseilakt zwischen Kinder, Haushalt und schreiben, verlangt Brida immens viel ab.

>Unversehrt hat Brida mit neunzehn Jahren das Elternhaus verlassen. Nun, fast zwanzig Jahre später, kommt es ihr vor, als wären ihr alle Knochen gebrochen, die Haut vom Leib gezogen, die Haare ausgerissen, die Zuversicht gestohlen und die Träume zerschmettert worden. Mit dem Menschen, der sie gewesen ist, hat sie nichts mehr zu tun. <

Malika, war in ihrer Adoleszenz – Zeit, ein vielversprechendes Geigentalent. Doch was tut man nicht alles, um den Eltern eines auszuwischen. Das der Schuß nach hinten losgeht, bemerkt man erst, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Ihre Hoffnung nach einer großen Karriere, Familie und Kinder scheint immer mehr in die Ferne zu rücken.

>Inzwischen war zum Ende ihres Zykluses hin jeder Gang auf die Toilette von Angst begleitet, jedes Ziehn im Unterleib ein Vorzeichen kommender Enttäuschung. <

Jorinde, sie ist Malikas jüngere Schwester. Sie ist beruflich erfolgreich, hat einen Mann und zwei Kinder. Bei ihr scheint alles bilderbuchhaft zu laufen. Doch sie ist in großer Not und macht ihrer großen Schwester ein fast unerhörtes Angebot.

Fünf sehr unterschiedliche Frauen, mit scheinbar konträren Perspektiven. Und doch verbindet sie alle die große Aufgabe des Lebens. Das Leben und jedes seiner Herausforderung zu meistern und wenn möglich an ihnen zu wachsen. Im Laufe der vergehenden Zeit. Daniela Krien schreibt hier sehr einfühlsam, fünf Porträts und ein jedes hat es verdient respektiert zu werden. Respektiert in ihrem tun und handeln, in ihrem denken und fühlen, in ihren Worten und Taten. Akzeptanz ist hier gefragt und die Wertschätzung des einzelnen Lebens. Bewertungen sind nicht angebracht, denn diese fünf Frauen, diese fünf Leben spiegeln das eigene in irgendeiner Art und Weise wieder. Und das ist gut so ! Große Leseempfehlung !

5 von 5

Diogenes Verlag / ISBN: 978-3-257-070053-8 / 287 Seiten

Daniela Krien, geboren 1975 in Neu-Kaliß, studierte Kulturwissenschaften und Kommunikations- und Medienwissenschaften in Leipzig. Seit 2010 ist sie freie Autorin, 2011 erschien ihr Roman ›Irgendwann werden wir uns alles erzählen‹, der in 14 Sprachen übersetzt wurde. Ihr 2014 veröffentlichter Erzählband ›Muldental‹ wurde 2015 mit dem Nicolaus-Born-Debütpreis ausgezeichnet. Daniela Krien lebt mit zwei Töchtern in Leipzig.

Salih Jamal > ORPHEUS <

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Neben Romeo und Julia die andere große Liebesgeschichte. Eigentlich weiß man, was passieren wird. Doch Salih Jamal bricht in seinem neuen Roman Orpheus mit allen Erwartungen. Gleich bei seinem Eingangsgedicht über den immerwährenden Kampf des Lebens versteht der Leser: Das, was jetzt kommt, ist etwas ganz anderes. So stürzt er in das erste Kapitel, das wie mit Maschinengewehrsalven in kleinen Absätzen die Not und Verzweiflung eines Mannes schildert, der seiner Liebe beraubt ist. Und schon ist man mitten in der Geschichte:

Der Rock- und Bluessänger Orpheus, ein Suchender in unserer Zeit, schlägt sich mit Nebenjobs durch die Tage. In Nienke begegnet er der Liebe seines Lebens. Sie arbeitet als Anwältin im Unternehmen seines Großvaters, des Patriarchen Zeus. Eines Tages findet sie Beweise, die Zeus in Verbindung zu einem viele Jahre zurückliegenden Mord an einer Frau bringen. Kurz bevor sie die Unterlagen bei der Polizei abgeben kann, verschwindet Nienke spurlos. Orpheus beginnt, sie zu suchen, und stößt auf ein Geflecht aus grausamen Familiengeheimnissen, Intrigen und Verrat. Am Ende lernt er loszulassen, um Nienke für immer zu finden. ( So der Klappentext, der alles exakt beinhaltet, da verkneife ich mir das Rad neu zu erfinden, denn dies ist sekundär.)

> Nienke war wie Puderzucker. Sie schneite einfach über mich hinweg und hinterließ auf mir eine Süße, die mich verzauberte. <

Jedoch primär, ist es der Stil, diese ungeheuere poetische Vielfalt der virtuos gespielten Worte, die bezaubern. Sie schmiegen sich durch die Seiten , mal wie ein gefühlvoller Blues, mal wie harter, ohrenbetäubender Rock. In Salih Jamal ist ein Autor gefunden, der sein Handwerk bestens bedienen vermag. Ich persönlich kenne nichts und niemand vergleichbares.

>Alkohol ist ein vorzügliches Lösungsmittel. Es löst nicht nur Familen, Geldbeutel und die Leber. Vor allem löst es das Herz und die Furcht.<

Seine Metapher sind mit dem Prädikat : künstlerisch Wertvoll – auszuzeichnen, und derer gibt es viele in seinem Buch. Dies tut der dichten Story keinen Abbruch, sondern schmückt sie eher pilosophisch aus. Die Geschichte an sich, wirkt gut durchdacht und schlüssig. Sie beinhaltet alles was einen guten Plot ausmacht wie Liebe und Tod, gehüllt in musikalischen Schwingungen. Salih Jamal, geküsst von der Muse !

6 von 5

BoD – Books on Dermand / ISBN: 9783752822847 / 268 Seiten

Lebenslauf von Salih Jamal – Ich wurde weit entfernt von dort geboren, wo ich hingehörte. So suchte ich zeitlebens meinen Weg nach Hause und gleichzeitig hinfort. Ein langer, ungewisser und wohl unmöglicher Weg. In einer staubigen Zeit erblickte ich das Licht der Welt. Um zwanzig nach sieben, an einem Sonntag genau in der Minute des Sonnenaufgangs, atmete ich den letzten Hauch der vergangenen Nacht in mein neues Leben ein. Alles stand im Sternzeichen des Skorpions und auch noch im Aszendent Skorpion. Koordinaten für die Weltherrschaft. Später erfuhr ich, dass mein Tierzeichen des chinesischen Horoskops das Feuerpferd ist. Feuerpferde sind sehr selten. In der fernöstlichen Astrologie wurden die Eigenschaften von Feuer und Pferd kombiniert: Pferde sind klug, selbstbewusst, egoistisch, unruhig und leidenschaftlich. Dabei sind sie so freiheitsliebend, dass sie die Welt vergessen können, so dass man durchaus niedergerannt werden kann, wenn man ihnen im Weg steht. Menschen, die im Feuer geboren werden sind dominant und brennen vor Hingabe an Dinge. Manchmal so lange, bis alles um sie herum zerstört ist. Der Akt meiner Geburt war als solcher gar nicht vorhanden. Ich flutschte einfach raus! So wie ich auch später durchs Leben flutschen sollte. Ich bin übrigens Frühaufsteher. Ob das etwas damit zu tun hat?



Paul Auster > Stadt aus Glas <

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Der Krimiautor Daniel Quinn sieht nach dem Tod seiner Frau und seines kleinen Sohnes, keinen Sinn mehr in seinem Leben. Isoliert von seiner Umwelt fristet er seinem Dasein. Doch eines Nachts klingelt das Telefon, eine ihm fremde Stimme verlangt den Privatdedektiv Paul Auster. Daniel Quinn übernimmt diesen Part. Sein Auftrag , den verrückten Religionsforscher Peter Stillmann zu observieren, der nach dreizehn Jahren aus eines psychatrischen Klinik entlassen wird. Peter Stillmanns Sohn hat Angst um sein Leben, er hat Angst, dass sein Vater im etwas antun könnte.

Quinn nimmt seinen Auftrag zuerst eher lässig in Angriff, dann jedoch fängt er an, die Angelegenheit sehr enst zu nehmen und seine Observierung entwickelt eine Eigendynamik. Plötzlich, obschon Quinn sich aller größte Mühe gibt, ist der dubiose Peter Stillmann wie vom Erdboden verschluckt. Wo ist er, was macht er ? Quinn ist auf alles gefasst ! Scheinbar !

“ Denn wenn man den Menschen, den man vor sich hat, nicht als menschlich betrachtet, kennt das Gewissen nur wenige Hemmungen im Verhalten ihm Gegenüber.“

Ein Paul Auster Roman vom Feinsten, der durchaus kriminalistisch anmutet. Geschickt windet er die Fäden, alles scheint machbar, doch vieles läuft anders. Sprachlich gehoben, und mit bester Männerprosa aufs Papier gebracht!

5 von 5

Süddeutsche Zeitung/ Bibliothek / ISBN: 3-937793-05-4 / 176 Seiten