
Anfang der 2000er zieht sich der Musiker Ray O’Shea ins Sanatorium Woodlands zurück, um Bilanz zu ziehen. Es ist der Rückzug eines Mannes, der sein Leben zwischen Idealen und Versäumnissen neu vermessen will. Er ist getrieben von der hartnäckigen Hoffnung, moralisch integer gewesen zu sein. Vor allem in seiner Liebe zu Sophie, die kompromisslose Punkmusikerin mit ihren Tamponohringen, Mutter seiner Kinder und sein unbequemster Spiegel. Ray erzählt sich diese Liebe als etwas Helles.
„Wie gut, dass ich nicht an Horoskope glaube, nicht abergläubisch bin, all das. Dass Moonlight Shadow zur inoffiziellen Hymne unserer Ehe wurde, glaube ich aber schon. Meine Liebe zu Sophie ist klar und hell wie eine Mondnacht. Romantisch, lyrisch. Und doch liegt über alledem ein Schatten, eine Tragik. Eine unheimliche Koinzidenz.”
Zwanzig Jahre später kehrt sein ungeliebter Sohn Warren an denselben Ort zurück. In der Hand hält er Rays Tagebuch. Für Warren gab es kein Erbe im materiellen Sinn, dies bekamen die Frauen seiner Familie, sondern eine Sammlung aus Erinnerungen, Rechtfertigungen und Musikverweisen. Was als Suche nach Abrechnung beginnt, entwickelt sich zu einer irritierenden Annäherung. Mit jeder gelesenen Seite verschiebt sich Warrens Bild des Vaters: Der Mann, den er zu kennen glaubte, entzieht sich einfachen Urteilen.
Der Roman verhandelt Verantwortung nicht als klare Kategorie, sondern als brüchigen Prozess. Familie erscheint hier weniger als Zuflucht denn als Echo für Schuld, Liebe und unausgesprochene Erwartungen. Vergebung ist kein Ziel, sondern eine Möglichkeit. Denn die Vergebung ist fragil, widersprüchlich und niemals endgültig. Begleitet wird diese Vater-Sohn-Geschichte von einem musikalischen Resonanzraum, der weit mehr ist als nostalgisches Beiwerk. Von den Beatles über David Bowie, von den Stones zu The Who, von den Beach Boys zu Blondie, von Kate Bush bis Nirvana spannt der Soundtrack einen Bogen durch vier Jahrzehnte Pop- und Rockgeschichte. Und sie hat es in sich, denn sie ist, laut, roh und ungeschönt. Die Musik wird zur zweiten Erzählebene: der Erinnerung, der Haltung und des Widerstandes.
„Kein Applaus“ entfaltet eine bemerkenswerte Kraft. Nicht durch die Lautstärke, sondern durch seine Vielschichtigkeit. Es ist ein Roman von großer sprachlicher Bandbreite, getragen von Empathie, präziser Figurenzeichnung und einer emotionalen Tiefe, die nie auf Effekte aus ist. Kunst, Leben und innere Konflikte greifen ineinander, ohne sich gegenseitig zu erklären oder zu glätten. Besonders eindrucksvoll ist der perspektivische Reichtum des Romans. Er betrachtet seine Figuren nicht von oben, sondern von allen Seiten, tastet sich an ihr Denken, Fühlen und Handeln heran und legt dabei die Widersprüche frei, die menschliche Existenz ausmachen. Nichts wird vereinfacht, nichts moralisch sortiert.
Der Roman ist nichts weniger als eine souveräne Übersetzung der britischen Rockgeschichte von den 1960er- bis in die 1990er-Jahre in erzählerische Form. Nicht als bloße Referenzsammlung, sondern als gelebte Erinnerung, als Haltung und Zeitgefühl. Die Musik durchzieht den Text wie ein Pulsschlag und wird zum Träger von Biografien, Brüchen und Sehnsüchten.
So verschränkt der Roman kulturelle Zeitgeschichte mit einer tief berührenden Vater-Sohn- und Liebesgeschichte. Die großen Gefühle bleiben dabei stets geerdet, frei von Sentimentalität und getragen von einer leisen, nachhaltigen Intensität. „Kein Applaus“ vertraut der Ambivalenz und gewinnt genau daraus seine literarische Kraft: klangvoll, melancholisch und lange nachhallend.
Dass David Wonschewski mit diesem Roman gewissermaßen das wohl längste Riff der Musikgeschichte in Prosa übersetzt, ist mehr als eine schöne Metapher: Es ist ein erzählerischer Sog, der mitreißt und nicht loslässt. Ein Roman, der gelesen werden will und der eine nachdrückliche Empfehlung verdient.
Das Cover zeigt eine Schallplatte, die sich auf einem Plattenteller dreht, die Nadel bereits in der Rille liegend. Im Hintergrund öffnet sich, leicht verwaschen und wie durch Glas betrachtet, der Blick auf eine lebendige Stadtlandschaft. Die Typografie ist in Dunkelrot, Blau und Weiß gehalten.
- Kein Applaus
- David Wonschewski
- Roman
- braumüller Verlag
- ISBN: 9783992004010
- 463 Seiten
- Erschienen im Oktober 2025
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