
Ein Pariser Wohnhaus und seine Geschichten.
Die Häuser von Paris tragen Geschichte nicht wie eine Last, sondern wie ein leises Echo in ihren Mauern. Jedes Treppenhaus, jede Fensterfront bewahrt Spuren vergangener Leben, Stimmen, Schritte, Hoffnungen. Doch in der Rue Saint-Maur 209, im Herzen des 10. Arrondissements, geschieht etwas Besonderes: Für die Autorin und Filmemacherin Ruth Zylberman verwandelt sich dieses unscheinbare Mietshaus in eine Zeitmaschine, die nicht aus Metall und Zahnrädern besteht, sondern aus Erinnerungen, Archiven, Stimmen und Blicken in alte Fotografien.
Seit den 1850er Jahren hat das Gebäude Menschen aufgenommen wie ein atmender Organismus. Generationen kamen und gingen: Handwerker mit rauen Händen, Arbeiter mit müden Schultern, Künstler mit flackernden Träumen, Familien auf der Suche nach einem Neuanfang. Aus Ost- und Südeuropa wanderten sie ein, später auch aus Nordafrika, getragen von Hoffnung, von Notwendigkeit, von dem Versprechen, irgendwo ein Zuhause finden zu können. Hinter den Türen entstanden Freundschaften, Lieben, Allianzen gegen die Härte des Alltags. Kinder wuchsen heran, Stimmen hallten durch die Treppenhäuser, Gerüche von Suppe, Farbe oder frisch gebackenem Brot mischten sich in den schmalen Fluren.
Doch dieses Haus kennt nicht nur die Wärme des Zusammenlebens, sondern auch die Kälte der Geschichte. Während der deutschen Besatzung wurde es zu einem Ort des Verlustes. Besonders viele jüdische Kinder wurden von hier aus deportiert, aus ihren Zimmern gerissen, aus ihren Familien, aus der Zukunft, die ihnen hätte gehören sollen. Ihre Namen, einst an Klingelschildern befestigt, verschwanden, doch nicht aus dem Gedächtnis der Mauern. Zylberman folgt ihren Spuren mit behutsamer Hartnäckigkeit, rekonstruiert Biografien aus brüchigen Dokumenten, vergessenen Briefen und fernen Erinnerungen, und trägt diese Geschichten bis an die Enden der Welt, dorthin, wo Überlebende oder Nachfahren heute leben.
So wird das Haus in der Rue Saint-Maur 209 zu mehr als einem Gebäude. Es wird zu einem Resonanzraum zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zu einem lebendigen Archiv, in dem jede Wohnung eine eigene Chronik birgt. In Zylbermans Arbeit überlagern sich Zeiten wie Licht und Schatten: Das Lachen früherer Bewohner mischt sich mit der Stille der Abwesenden, Hoffnung und Verlust stehen Tür an Tür. Das Mietshaus wird zu einem Mikrokosmos der Pariser Geschichte und zugleich zu einem universellen Symbol dafür, wie Orte Erinnerungen bewahren, selbst dann, wenn die Menschen längst gegangen sind.
Ruth Zylberman hat hier ein Buch geschrieben ausgehend von den Namen von neun Kindern im Alter zwischen drei und siebzehn Jahren, die aus der Nummer 209 verschleppt wurden. Sie webt ein dichtes Geflecht aus Lebensgeschichten im Zeichen der Verfolgung. Geschichten, die trotz Angst und Bedrohung immer wieder von gegenseitiger Hilfe, Nähe und stiller Solidarität durchzogen sind. Sie verwandelt das Mietshaus in der Rue Saint-Maur 209 im 10. Arrondissement in ein lebendiges Erinnerungsarchiv und lässt darin die Lebensgeschichten sichtbar werden. Ausgesprochene Leseempfehlung!
Das Cover zeigt eine grafische Darstellung des Wohnhauses in Weiß- und Blautönen. Die kahlen Bäume, der Zaun und ein Fahrrad sind in Schwarz gehalten, während die Typografie in Gelb, Weiß und Schwarz gestaltet ist.
- Rue Saint-Maur 209
- Ruth Zylberman
- Ein Pariser Wohnhaus und seine Geschichten
- Erzählendes Sachbuch
- Schöffling & Co.
- ISBN: 978-3-89561-807-9
- 480 Seiten
- Übersetzt von Patricia Klobusiczky
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