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All die Nacht über uns ~ Gerhard Jäger

Eine Nacht spannt sich wie ein dunkler Bogen über ein ganzes Leben. In der Einsamkeit eines Wachturms steht ein Soldat, Hüter einer Grenze, die plötzlich mehr ist als Linie im Gelände. Sie ist eine Wunde, eine Erinnerung, eine Entscheidung. Während Regen gegen das Blech schlägt und der Sturm an seinen Gedanken rüttelt, treibt es ihn zurück in ein früheres Dasein voller Nähe, Hoffnung und Wärme, das unerwartet zerbrach und ihn als Fremden seiner selbst zurückließ.

Die Stunden dehnen sich, getragen von Unruhe und Schuld, von Sehnsucht nach dem Verlorenen und Angst vor dem Unabwendbaren. Jenseits des Zauns taucht ein Gesicht auf. Ein Flüchtender, Spiegel und Gegenbild zugleich. Zwei Leben, getrennt durch Draht und Schicksal, verbunden durch dieselbe Rastlosigkeit. Und während die Nacht tobt, stellt sich die Frage leise, aber unerbittlich: Wird die Grenze standhalten und mit ihr das brüchige Bollwerk im Inneren?

In dieser Nacht greift der namenlose Soldat immer wieder zu einem Heft, den Aufzeichnungen seiner Großmutter. Darin liest er vom Krieg, von Angst und vom überstürzten Aufbruch vor den Russen, von Heimatverlust und Neubeginn. Sie selbst war eine Geflüchtete, eine, die nicht begreifen konnte, wie sich ihr späterer Wohnort gegen Schutzsuchende wandte, und die versuchte, ihrem Enkel diese Erfahrung begreifbar zu machen.

„Der Soldat atmet schwer aus, die Hand mit der Taschenlampe sinkt nach unten, der Strahl verliert sich in der Nacht. Ist es immer so?, fragt er sich. Wenn irgendwo Menschen kommen, stellen die einen einen Teller auf die Tische und die anderen maschieren mit Transparenten. Und manche, und bei diesem Gedanken zieht ein bitteres Lächeln über sein Gesicht des Soldaten, manche stehen mit Gewehren an der Grenze und warten…

Doch ihn treibt so vieles um. Ist er doch gefangen in dem, was er verloren hat: in Bildern eines früheren Lebens, als es noch eine Frau gab, ein Kind, ein Zuhause. Nun ist er nur noch ein Schatten dieses Mannes, kreisend um Erinnerungen, die wärmen und zugleich schmerzen. Letzte Spuren einer Familie, die ihm geblieben ist.

Mit ihm verharren wir im Dunkel, Schritt für Schritt, Gedanken für Gedanken, bis die Nacht nicht nur zur äußeren Kulisse wird, sondern zum Spiegel eines Inneren, in dem Verlust, Schuld und Sehnsucht flackern wie ferne Lichter im Sturm.

Gerhard Jäger verbindet drei Fluchtbewegungen zu einem dichten Gewebe: die unserer Gegenwart, die Erinnerungen der Großmutter und die stille, innere Flucht eines Soldaten vor sich selbst und seiner Schuld. Mit großer erzählerischer Sicherheit hält er diese Ebenen zusammen. So entsteht ein Roman von eindringlicher Wucht, der die weltpolitischen Verwerfungen unserer Zeit mit einer zutiefst privaten Katastrophe verschränkt. Mit dem Porträt eines einsamen Menschen, der sich immer weiter in die eigenen Erinnerungen verliert und an ihnen zu zerbrechen droht. Gerhard Jäger greift in seinem Roman auf die authentischen Erinnerungen der Künstlerin Dietlinde Bonnlander ( Geboren im Jahre 1931 in Hinterpommern – Flucht und Vertreibung 1945) zurück und formt aus ihnen literarisches Material. Verdichtet, verwandelt und eingebettet in eine erzählerische Welt von großer emotionaler Tiefe. Ausgesprochene Lesempfehlung!

Das Cover zeigt eine Mondnacht, in der alle Schriftzüge in klarem Weiß gehalten sind und sich leuchtend vom dunklen Hintergrund abheben.

  • All die Nacht über uns
  • Gerhard Jäger
  • Roman 
  • Picus Verlag
  • ISBN: 9783711720641
  • 237 Seiten
  • Erschienen 2018

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