Diesen Roman las ich vor ein paar Wochen, doch ich konnte noch nicht darüber schreiben, da mir der Inhalt zu Nahe ging.

Ein Mann kehrt nach dem Kriege in seine zerstörte Heimatstadt zurück und hofft sein Haus möge in Trümmern liegen. Er hat seine Familie, seine Hoffnung verloren, doch das Haus steht noch, zwar ist es der Plünderung zum Opfer gefallen, doch seine Wohnung ist unversehrt. Ein Nachbar begrüßt den Mann, er ist es auch, der den Heimkehrer dann mit Nahrungsmitteln und Zigaretten unterstützt. Doch der Heimkehrer zieht sich zurück in einen Raum seiner Wohnung, das Büro genannt wird. So vegetiert er völlig isoliert und begibt sich komplett in die Abhängigkeit seines Nachbarn.

Dieser hat außer Essen auch immer ein paar Fragen mit dabei. Wo er denn gewesen sei? Der Heimkehrer erwidert in Kanada. Doch er meint damit nicht das Land in Nordamerika. Nein. Im Laufe der Geschichte wird immer klarer, dieser Heimkehrer ist ein Überlebender. Einst ein Naturwissenschaftler, der nach Auschwitz deportiert wurde. Mit seinen Essensrationen hatte er sich die interne Versetzung ins Lager Kanada erkauft. Kanada, dort wurden die ganzen Habseligkeiten der Neuankömmlinge registriert und umsortiert. Die Berge von Silberbesteck, Brillen, Geigen, Pelzmäntel, Schuhen, Koffer und vieles mehr wuchsen rasant an.

Doch auch wenn es dem Heimkehrer gelungen war zu überleben, quält er sich überlebt zu haben, wo doch so viele Menschen im Holocaust umkamen. Er zieht sich immer weiter in seine Isolation zurück.

Die Geschichte spielt im Ungarn der Nachkriegszeit und die Kommunisten haben das Regiment übernommen. Im Untergrund brodelt der Antikommunismus. Der Nachbar verfolgt gewisse Pläne. Er quartiert erst seinen Neffen bei dem Überlebenden ein. Später kommen noch andere Männer und Waffen dazu.

Der 1984 geborene Autor, hat einen Lagerroman geschrieben, mit der ganzen Tragweite, wenn Opfer zu Täter gemacht werden. Die traumatisiert mit der großen Schuld leben, überlebt zu haben. Die ihre Lieben verloren haben und nun alleine ohne Zukunftsperspektive und Lebenswillen ihrem Dasein fristen. >Kanada< ist ein sehr dicht gegliederter poetischer Roman, der die Geschehnisse der Geschichte dramatisch spiegelt. Ergreifend und mit einem für mich unfassbaren Ende.

  • KANADA
  • Juan Gómez Bárcena
  • Roman
  • Secession Verlag
  • ISBN: 9783906910345
  • 192 Seiten
  • Übersetzt von Steven Uhly