Ein Debüt von 2019 das mich wundervoll unterhalten hat! Der Misanthrop Karl Lipitsch wohnt alleine, Gesellschaft ist ihm zuwider und Gespräche versucht er tunlichst zu vermeiden. Vor allem aber erregen Frauen seinen Argwohn. Ihnen traut er nicht. Er fühlt sich wohl in seiner Rolle als Einsiedler und schreibt an seiner interdisziplinären philosophischen Abhandlung.

Tatsächlich erdreistet sich eine ihm unbekannte Nachbarin ihn freundlich anzusprechen. Lipitsch ist schockiert.

Er musste auf jeden Fall, koste es, was es wolle, verhindern, dass ihn diese Frau mit einem Faden einzuwickeln begann. Er kannte sich mit Frauen aus, diese schaute so aus, als ob sie ein ganzes Netz parat hätte.

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Doch die Nachbarin mit Namen Mathilde zeigt sich offen und charmant. Lipitsch und Mathilde nähern sich sachte an. Wobei bei Lipitsch die Gedanken sich in einer Art Achterbahn bewegen. Eine Annäherung mit dem anderen Geschlecht sieht er sehr misstrauisch entgegen. Denn er, Karl Lipitsch fühlt sich allen und jedem überlegen. Doch ein paar Federn muss er lassen, der Karl. Mathilde lädt ihn zu einen Salonfest mit Nachbarn und Freunden ein. Das ist schon ein große Herausforderung für den Einsiedler. Doch er nimmt die Einladung an und beobachtet die Gesellschaft, die er vorfindet mit Hohn. Bei jedem Kontakt meint er sich herablassen zu müssen.

Schon kommt eine mit den Hüften herangeschwungen. Ist er soweit? Er rollt die Ärmel hoch. Er wird gefragt, er antwortet. Das Gespräch läuft. Zur Halbzeit hat er mindestens 40% Wortbesitz, was in der Konfrontation mit einer Frau nicht wenig ist.

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Mit jeder Einladung seitens Mathildes wächst Lipitsch, er wir etwas zugänglicher. Man trifft sich nun häufiger.

Sie nannte ihn zum ersten Mal beim Namen. Der Klang kam durch beide Ohren getrennt hinein und räsonierte in seinem Kopf. Im Wunsch, den Moment festzuhalten, unternahm er zwei Versuche ihn zu beschreiben.

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Doch Lipitsch wäre nicht Lipitsch wenn er sich so einfach in die Fäden einer Frau verwickeln lies. Er spürt das Netz zieht sich zu. Es ist zuviel Nähe, die er doch nicht ertragen kann.

Dieser Debütroman von Ana Marwan ist selbst ein gesponnenes Netz. Ein Netz aus scharfsinniger Beobachtungsgabe, den feinfühligen Blick für Zwischenmenschliches, gehobener Sprachstil mit Schwung und charmanten Humor. Ich habe diesen Roman sehr gerne gelesen. Lipitschs Gedanken und Aussagen haben mich teils amüsiert und leicht konsterniert. Mathilde fand ich durchweg charmant und sympathisch. Lest dieses Modell einer Annäherung zwischen Frau und Mann. Köstlich!

Anmerkung: Einen kleinen Kritikpunkt gibt es allerdings. Das Buch ist so straff gebunden, dass es manches Mal ein kleiner Kampf war das Buch angenehm aufzuklappen. Schade.

Das Cover zeigt ein Werk des Bildhauers Tone Lapajne und zeigt eine Art Sumpflandschaft in verschiedenen Erdtönen.

  • der kreis des weberknechts
  • Ana Marwan
  • Roman
  • Otto Müller Verlag
  • ISBN: 9783701312719
  • 190 Seiten
  • Erschienen 2019