
Sommer liegt über einer deutschen Kleinstadt, als mitten im vornehmen Villenviertel ein Einmannzelt auf dem Bürgersteig auftaucht. Darin: Sophie von Clüver, das schwarze Schaf einer angesehenen Familie, die nach Jahren der Abwesenheit in ihre Heimat zurückkehrt. Vor dem Haus ihrer Eltern schlägt sie ihr Lager auf, stumm und zugleich unübersehbar. Ist das Zelt eine Anklage? Ein Zeichen des Widerstands? Oder der verzweifelte Versuch, endlich gehört zu werden?
Während Sophie dort ausharrt, beginnt ihr unerwartetes Lager die Frauen ihrer Umgebung zu bewegen. Da ist Hanne, seit dem Tod ihres Mannes allein und längst an ein Leben gewöhnt, in dem vieles unausgesprochen bleibt. Greta, die Künstlerin, sucht ihren eigenen Weg jenseits überkommener Familienbilder. Wanda trägt noch immer den Neid auf ihre einstige Schulfreundin mit sich. Die junge Lilli führt ein geheimes Doppelleben als Cam-Girl und tastet sich dabei an die Grenzen ihrer Freiheit heran. Hjördis versucht, ihre Ängste und Neurosen in den Griff zu bekommen. Judith wagt sich mit siebzig noch einmal ins Abenteuer des Online-Datings. Und schließlich ist da Eva, Sophies Mutter, die nach außen unerschütterlich wirkt und doch nicht weiß, wie sie ihrer Tochter nach all den Jahren der Trennung begegnen soll.
So entfaltet sich ein fein verwobenes Panorama aus acht Frauenleben, acht Geschichten und acht sehr unterschiedlichen Versuchen, mit den Zumutungen des Lebens umzugehen. Sophies Zelt wird zum stillen Mittelpunkt eines Romans, in dem sich verborgene Sehnsüchte, alte Verletzungen und neue Möglichkeiten begegnen.
Außenseiter waren sie beide. Aber das war nicht der Grund, warum sie sich mit ihr befreundete. Sie hatte sie wirklich gemocht. Vielleicht weil sie sich selbst mochte, wenn sie mit ihr zusammen war.
Seite 124
Mit großer Wärme und psychologischem Feingefühl erzählt Annette Mingels von Frauen, die sich zwischen Erwartungen, Ängsten und dem Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben behaupten müssen. Evas Tochter ist ein vielstimmiger Roman über Brüche und Neuanfänge über die überraschende Kraft, die entstehen kann, wenn Menschen einander wirklich sehen.
Der Impuls mit dem Zelt hat mich besonders angesprochen: Es bringt etwas völlig Unerwartetes in den gewohnten Alltag und stört die scheinbare Ordnung. Plötzlich gerät etwas in Bewegung, das vorher festgefügt und selbstverständlich schien. Gerade darin liegt für mich die große Kraft dieser Idee: Manchmal braucht es nur eine kleine Veränderung, einen kleinen Bruch im Gewohnten, damit sich der Blick auf das eigene Leben und vielleicht sogar das ganze Leben selbst verändert. Ausgesprochene Leseempfehlung!
Das Cover zeigt zwei Frauen, die einander sehr nah sind. Eine von ihnen streichelt der anderen sanft über das Haar. Die Farbgestaltung in warmen Rot-, Braun- und Cremetönen verstärkt diese intime und ruhige Atmosphäre. Die weiße Schrift hebt sich deutlich vom Hintergrund ab.
- Evas Tochter
- Annette Mingels
- Roman
- Penguin Verlag
- ISBN: 978-3-328-60480-8
- 240 Seiten
- ET 19. August 2026
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