
In der kleinen Bucht, in der sich nur wenige Hütten zwischen Hügeln und Meer verlieren, haben die Bewohner eine Welt für sich geschaffen. Eine abgeschiedene Gemeinschaft, die ihren eigenen Regeln und Rhythmen folgt. Am Ende des steilen Pfades, halb verborgen hinter dem leuchtenden Violett einer Bougainvillea, steht die erste Hütte. Sie markiert den Eingang zur Bucht von Longo Maï. Einige verwitterte Schilder künden den Ankommenden davon, dass sie ein wildes, beinahe unberührtes Paradies betreten. Doch Longo Maï ist mehr als ein Ort, den Reisende auf ihrer Durchfahrt streifen. Es ist vor allem ein Ort des Lebens, an dem die ungestüme Energie der Jugend auf die stille, schützende Weisheit der Alten trifft. Zwischen diesen beiden Polen wächst die junge Generation heran: Nine und Coco, die sich zaghaft ineinander verlieben und beginnen, von einer gemeinsamen Zukunft zu träumen.
Doch für Nine wird die Bucht zunehmend zu einem Gefängnis unter freiem Himmel. So schön die Landschaft auch sein mag, ihre Weite endet an den Hügeln, und hinter ihnen lockt eine Welt, die sie noch nicht kennt. Der Wunsch, dieses Paradies hinter sich zu lassen, wird stärker als die Angst vor dem Unbekannten. Eines Nachts, verborgen von der Dunkelheit, verlässt Nine die Bucht. Zunächst bleibt ihr Verschwinden unbemerkt. Doch als die Bewohner begreifen, dass Nine nicht zurückgekehrt ist, legt sich eine Unruhe über die Gemeinschaft. Im flirrenden, unerbittlichen Sommer, in dem die Hitze über der Bucht liegt, nimmt das Schicksal eine dramatische Wendung. Eine Tragödie erschüttert Longo Maï und droht, nicht nur die Menschen, sondern auch das fragile Gefüge ihres gemeinsamen Lebens auseinanderzureißen.
Dieser Debütroman erzählt mit großer, poetischer Sensibilität von Erinnerungen, von Träumen und von Eventualitäten in den unterschiedlichen Lebenssituationen, die sich zwischen Vergangenheit und Zukunft entfalten. Im Zentrum steht der jugendliche Drang nach Aufbruch. Ein Verlangen, das selbst dort entsteht, wo die Natur in ihrer vollkommensten Schönheit erscheint.
Denn die Abgeschiedenheit, die zunächst wie ein Paradies wirkt, kann sich mit der Zeit verändern. Was Geborgenheit verspricht, kann als Enge empfunden werden; was als grenzenlose Freiheit erscheint, kann plötzlich Grenzen bekommen. Das Paradies ist nicht unveränderlich. Es schrumpft, verschiebt seine Konturen oder verliert seinen Zauber, sobald die eigene Wahrnehmung beginnt, es infrage zu stellen. Das Meer in dieser Bucht ist allgegenwärtig und vertraut. Jeden Tag liegt es vor den Bewohnern. Als Lebensraum, als Grenze und als Versprechen einer Welt, die jenseits der vertrauten Hügel beginnt. Gerade für die junge Generation wird es damit zum Sinnbild jener Sehnsucht nach Ferne, Veränderung und einem Leben, das über die Grenzen des Bekannten hinausweist. Ausgesprochene Leseempfehlung!
Der Debütroman von Rémi Baille wurde mit dem »Prix Mare Nostrum 2024« ausgezeichnet.
Das Cover zeigt einen idyllischen Sandstrand, der sich unmittelbar am Wasser erstreckt und von üppigem Grün umgeben ist. Einen schlichten Kontrast dazu bilden die schwarzen Schriftzüge.
- Kinder der Bucht
- Rémi Baille
- Roman
- Septime Verlag
- ISBN: 978-3-99120-076-5
- 168 Seiten
- Übersetzt von Felix Mayer
- Erschienen im Februar 2026
#buchempfehlung #lesetipp #kinderderbucht #remibaille #septimeverlag #felixmayer #paradies #lebensraum #debütroman #meer #bucht #bibliophilie #tausendlexi #indiebook #wereadindie
Schreibe einen Kommentar