Press ESC to close

Die Riesinnen ~ Hannah Häffner

Wittenmoos, ein verlorener Fleck im dichten Atem des Schwarzwalds, trägt seine Geschichten wie Nebel zwischen den Tannen. In diesem Dorf, das sich eng an Hügel und Tradition klammert, leben drei Frauen, die zu groß scheinen für die niedrigen Stuben und zu schmal für die Erwartungen, die man an sie richtet. Ihre Schatten reichen weiter als die Kirchturmspitze, und doch wurzeln sie tiefer im dunklen Boden, als es irgendjemand ahnt.

Da ist Liese, sie ist die Frau an Bernhards Seite, dem Sohn der Metzgerei, und ihre Ehe gleicht einem Haus mit dicken Mauern und wenig Licht. Nicht Unglück im offenen Sinn, eher ein schleichendes Verstummen. Ein Leben, das mehr ertragen als geteilt wird. Lieses Schweigen ist schärfer ist als jedes Messer in der Metzgerei. Sie ist unbeugsam, nüchtern, eine Frau aus Sehnen und Pflicht. Ihr Leben folgt dem einem besonderen Rhythmus, ein Takt aus Arbeit, Verzicht und einer Zärtlichkeit, die sich nur im Verborgenen zeigt. Ihre eigentliche Kraft aber schöpft sie jenseits der Dorfstraße. Im Wald, unter dem dichten Dach der Tannen, wo das Licht gedämpft fällt und der Boden nach Moos und Erde duftet, findet sie etwas, das sie nirgends sonst findet: Geborgenheit. Dort darf ihr Schweigen weich werden. Dort gehört sie sich selbst.

Cora, ihre Tochter, trägt das Dorf wie eine zu enge Jacke. In ihr brennt ein Zorn, der nach Weite verlangt, nach Städten, in denen niemand ihren Namen kennt. Sie wird gehen, wird sich an der Ferne wundreiben und begreifen müssen, dass Heimkehr kein Kniefall ist, sondern eine andere Form von Mut. Ein Schritt zurück über die Schwelle, die man hinter sich zuschlagen wollte.

Und Eva, Coras Tochter, lauscht dem Wald, als spräche er eigens zu ihr. Zwischen Moos und Wurzeln findet sie eine Sprache, die älter ist als jedes Dorfgesetz. Sie liebt das Dunkelgrün und das Rascheln im Unterholz, ohne zu wissen, dass diese Liebe sie prägen wird wie die Jahresringe einen Stamm.

Drei Frauen, aufragend wie Fichten am Rand einer Lichtung, fremd und vertraut zugleich. Sie passen nicht in die engen Maße von Wittenmoos und sind doch sein Herzschlag.

Über Jahrzehnte hinweg spannt sich dieser Roman wie ein weiter Atemzug zwischen Aufbruch und Ankunft. Er erzählt von Heimat, nicht als Ort allein, sondern als Zumutung und Zuflucht. Von familiären Verflechtungen, die halten und einengen zugleich, und von dem beharrlichen Ringen um Selbstbestimmung. In einer kraftvollen und zugleich fein schimmernden Sprache zeichnet Hannah Häffner mit großer stilistischer Genauigkeit und leiser Ironie das Leben dreier Frauen nach. Mit wacher, beinahe zärtlicher Beobachtungsgabe folgt sie ihren Wegen von den 1960er-Jahren bis in die Gegenwart, durch Zeiten des Umbruchs, der Rebellion und der stillen Neuverortung.

Es ist ein Roman, der lange nachklingt. Ein vielstimmiges Echo von Sehnsucht und Widerstand. Eine Geschichte über Mütter und Töchter, über das Erbe, das weitergegeben und verwandelt wird, über das Verlangen nach Freiheit und die unsichtbaren Fäden, die uns an unsere Wurzeln binden. Und über die Natur, deren Kraft nicht laut ist, aber unüberhörbar. Ausgesprochene Leseempfehlung für dieses Lesehighlight!

Das Cover trägt eine florale Illustration, aus deren Blättern und Linien sich das Antlitz einer Frau formt. Es ist in vielschichtigen Blautönen gehalten. Die Typografie setzt klare Akzente: Weiß und Rot heben sich leuchtend vom cremefarbenen Grund ab.

  • Die Riesinnen
  • Hannah Häffner
  • Roman
  • Penguin Verlag
  • ISBN: 978-3-328-60433-4
  • 416 Seiten
  • ET 25.02.2026

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Time limit exceeded. Please complete the captcha once again.