
In den wilden Zwanzigerjahren leuchten zwei Buchhandlungen in Paris wie Zwillingssterne: „Shakespeare and Company“ und „Das Haus der Bücherfreunde“. Geführt von Sylvia Beach und Adrienne Monnier, sind sie mehr als Läden, sie sind Bühnen der Moderne, Resonanzräume einer neuen Zeit. Hier begegnen sich Dichter und Denker, hier werden Manuskripte zu Mythen und Gespräche zu Geschichten. Zwischen schmalen Regalen und hohen Fensterfronten versammelt sich die Avantgarde: James Joyce ringt mit seinen Sätzen, Ernest Hemingway mit der Welt; Picasso skizziert, Sartre und Simone de Beauvoir diskutieren. Hier wird Literatur nicht nur verkauft, sondern geboren.
„Erschöpft und deprimiert ging Joyce im April 1921 zu Sylvia, um von den jüngsten Misserfolgen zu bereichten. Sylvia eilte unverzüglich zu Hilfe. Sie fragte den entmutigten Schriftsteller, der schwer seufzend in ihrem Laden saß: „Würden Sie Shakespeare and Company die Ehre erweisen, Ihren Ulysses herauszubringen?” Joyce sagte freudig zu.”
Dann aber, im Mai 1940, zerreißt der Einmarsch der Deutschen den Pulsschlag der Stadt. Mit den Stiefeln der Besatzer dringt auch die Bedrohung in die Welt der Bücher. Unter ihnen Ernst Jünger, Chronist und Offizier zugleich; während anderswo Gertrude Stein, einst Ikone der künstlerischen Bohème, sich dem Vichy-Regime annähert. Die Pariser Salons verstummen, Gespräche werden zu Flüstern, Namen zu Gefahren.
Und doch: Wo Diktatur herrscht, regt sich Widerstand. Die Buchhandlungen werden zu stillen Bastionen der Menschlichkeit. Sie bieten deutsch-jüdischen Exilierten Unterschlupf, bewahren verbotene Stimmen, hüten Gedanken, die nicht verstummen wollen. Zwischen Papierstapeln und Druckerschwärze lebt der Glaube an Freiheit fort. So verwandelt sich die literarische Oase im Herzen von Paris in einen Ort des Mutes. Getragen von zwei Frauen, die wussten, dass Bücher mehr sein können als Worte: nämlich Hoffnung.
Adrienne Monnier und Sylvia Beach verweigern sich der Angst. Mit Entschlossenheit und List versuchen sie, Freunde und Weggefährten zu schützen: Walter Benjamin auf der Flucht vor der Geschichte, Gisèle Freund mit ihrer Kamera, Siegfried Kracauer und viele andere, deren bloße Existenz nun bedroht ist. Ihre Buchhandlungen werden zu Verstecken, zu Knotenpunkten geheimer Hilfe, zu Inseln der Menschlichkeit in einem Meer aus Gewalt. Bis die Repression auch sie erreicht: Sylvia Beach wird von der Gestapo verhaftet und in ein Internierungslager gebracht.
Auf der Grundlage sorgfältiger Archivstudien erzählt Uwe Neumahr dieses dramatische Kapitel des besetzten Paris. Eine Geschichte von der Entstehung großer Literatur und ihrer Gefährdung, von Verfolgung und Mut, von Verrat und Anstand. Und nicht zuletzt: von der tiefen, unbeirrbaren Liebe zweier außergewöhnlicher Frauen, die an die Macht der Worte glaubten, selbst als die Welt um sie herum zu zerbrechen drohte. Die Buchhandlung der Exilanten ist weit mehr als eine historische Darstellung. Das Buch entfaltet ein vielstimmiges Panorama großer Literatur und ihrer Entstehungsbedingungen, durchzogen von klugen Beobachtungen und überraschenden Details. Es ist ein lebendiges Zeitzeugnis, das die geistige Atmosphäre einer Epoche einfängt, in der Worte Schutz boten und Bücher zu Bollwerken der Freiheit wurden. Vor allem aber ist es eine Hommage an zwei leidenschaftliche Frauen der Literaturgeschichte: Adrienne Monnier und Sylvia Beach. Mit Mut, Hingabe und unbeirrbarem Glauben an die Kraft der Literatur schufen sie Räume, in denen Gedanken wachsen und Menschen Zuflucht finden konnten.
Eine eindringliche, bereichernde Lektüre und eine ausdrückliche Empfehlung für alle, die Literatur nicht nur lesen, sondern erleben möchten.
Das Cover zeigt eine Aufnahme aus dem Jahre 1928 und zeigt zwei Mitarbeiterinnen, Sylvia Beach und Ernest Hemingway vor der Buchhandlung Shakespeare and Company. Die Schriften sind in Blau und rot gehalten.
- Die Buchhandlung der Exilanten
- Uwe Neumahr
- Paris 1940 Zuflucht und Widerstand
- C.H.Beck
- ISBN: 9783406844942
- 310 Seiten
- Erschienen im Februar 2026
Schreibe einen Kommentar