
Martha hat ihre Lehre als Kontoristin kaum beendet, da verschlägt es sie in ein Mietshaus im Berliner Stadtteil Schöneberg. Ein Ort, der ihr fremd ist und doch bald zu ihrem Schicksal werden soll. Was zunächst wie eine nüchterne Anstellung beginnt, wächst sich rasch zu einer lebenslangen Bindung aus, die sie weder vorausgesehen noch je ganz begreifen wird.
Mit unbeirrbarer Entschlossenheit und einem spröden, doch eigentümlich einnehmenden Charme übernimmt sie die Ordnung des Hauses. Bald schon herrscht sie über seine Bewohner mit fester Hand – ein buntes, mitunter skurriles Völkchen: der unbekümmerte Nudist Klampkin, begleitet von seinem aufmüpfigen Papagei; der distinguierte Herr Hutschenreuter, dessen Manieren eine vergangene Welt beschwören und die scharfzüngige alte Putti Levin, deren Worte selten ohne Widerhaken bleiben. Doch inmitten all dieser Eigenheiten findet Martha eine unerwartete Nähe zu Liane, der Tochter des Hausbesitzers Henry Berkowitz. Zwischen dem Kind und der sonst so unnahbaren Frau entsteht eine leise, aber tiefgehende Verbundenheit, die mit den Jahren wächst und sich dem Wandel der Zeiten widersetzt.
Denn während draußen die Welt aus den Fugen gerät, während politische Schatten länger werden, die Machtverhältnisse sich verschieben und schließlich der Krieg alles überzieht, bleibt ihre Beziehung ein fragiles Gegengewicht zur Härte der Wirklichkeit. Bis eines Tages das Unheil auch sie erreicht und das Schicksal die beiden auseinanderzureißen droht. Als Liane, Widerstandskämpferin der Roten Kapelle, in die Fänge des Regimes fällt, gerät für Martha die Welt aus den Angeln.
Der Erzählton dieses Romans überrascht durch seine stille Zurückhaltung. Statt Pathos oder lauter Anklage herrscht eine beinahe sachliche Ruhe, die das Geschehen umso eindringlicher wirken lässt. Viele der Menschen fügen sich ihrem Schicksal. Nicht aus Überzeugung, sondern weil ihnen kaum eine andere Wahl bleibt. Und doch tragen sie dieses Leben weiter, Tag für Tag, zwischen Anpassung und innerem Widerstand. So entsteht ein vielschichtiges Bild der Zeit, zusammengesetzt wie ein Mosaik aus einzelnen, leisen Momenten. Aus diesen unscheinbaren Splittern webt Shelly Kupferberg eine Erzählung von großer Zartheit und nachhaltiger Wirkung. Berührend gerade in ihrer Zurückgenommenheit. Ausgesprochene Leseempfehlung!
Das Cover zeigt das Gemälde von Nickie Zimov with …nothing aus dem Jahre 2022. Ein Mann küsst eine Frau auf die Stirn. Die Schriften sind schwarz auf weißem Grund.
- Stunden wie Tage
- Shelly Kupferberg
- Roman
- Diogenes Verlag
- ISBN: 9783257073485
- 272 Seiten
- Erschienen im März 2026
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