
Als Ulrike im Sommer 1961 für einen Sprachkurs nach Cannes reist, ist sie achtzehn Jahre alt und voller Sehnsucht nach der Welt. Sie kehrt mit einem Geheimnis zurück, das ihr Leben unwiderruflich verändern wird: Sie ist schwanger. Auf Drängen ihrer Eltern heiratet sie einen Mann, den sie kaum liebt. Die Ehe hält nicht lange. Als sich die Möglichkeit eines Neuanfangs bietet, folgt sie dem sephardischen Geschäftsmann Adem nach Istanbul. Dort wachsen ihre Kinder Barbara und Danyal zwischen Sprachen, Kulturen und widersprüchlichen Erwartungen auf. Während sie sich in der fremden Stadt ein Zuhause schaffen, verliert Ulrike zunehmend den Boden unter den Füßen. Die Träume, die sie einst getragen haben, verblassen, und der Alkohol wird zu ihrem ständigen Begleiter.
Ich funktionierte. Zwar war da immer noch diese Unruhe und manchmal ein Sog in die Tiefe, doch ich arbeitete dagegen an oder trank ein zusätzliches Glas Wein. Ich bewegte mich an der Oberfläche des Lebens und zog alles Darunterliegende hinter mir her wie ein lahmes Bein.
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Jahrzehnte später versucht Charly, Barbaras Tochter, die Geschichte ihrer Familie zu verstehen. Sie ist zwischen zwei Frauen groß geworden, die einander einst nahestanden und am Ende doch durch ein Schweigen voneinander getrennt waren, das bis zum Tod anhielt. Als Charly sich auf die Spur ihres verschwundenen Onkels Danyal begibt, öffnet sich vor ihr ein Geflecht aus Erinnerungen, Verdrängungen und alten Verletzungen. Je tiefer sie in die Vergangenheit eintaucht, desto deutlicher wird, dass die Entscheidungen einer Generation noch lange in der nächsten nachhallen und dass manche Familiengeschichten erst erzählt werden müssen, bevor sie ihren Frieden finden können.
Ein eindringlicher Roman über Mütter und Töchter, über das Schweigen zwischen den Generationen und die unsichtbaren Fäden, die ein Leben mit dem nächsten verweben. Es erzählt von der Suche nach der eigenen Stimme und von der Frage, welche Wunden tatsächlich die eigenen sind und welche Gefühle wir unbewusst von denen übernehmen, die vor uns gelebt haben. Mit großer sprachlicher Sensibilität und psychologischer Tiefe zeichnet Jennifer Segebrecht das Porträt von drei Frauen, deren Leben untrennbar miteinander verbunden sind. Ein bewegender Familienroman über Herkunft, Verlust und die Möglichkeit, den Kreislauf des Vererbten zu durchbrechen. Ausgesprochene Leseempfehlung für dieses Debüt!
Das Cover zeigt die Illustration Reflections (2020) der Künstlerin Holly Stapleton. Zu sehen ist eine Frau, die in einen Handspiegel blickt, dessen Spiegelbild sich mehrfach fortsetzt und so einen endlosen Reflexionseffekt erzeugt. Typografisch setzt das Cover auf eine Kombination aus gelber und weißer Schrift.
- Muttertage
- Jennifer Segebrecht
- Roman
- Pfaueninsel Verlag
- ISBN: 978-3-69131-024-5
- 272 Seiten
- ET 3. August 2026
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