Dieser Debütroman war 2021 > Buch des Jahres < in Schweden. Für mich Grund genug in dieses Buch mal einen Blick zu werfen. Dabei blieb es nicht, denn dieser Familienroman der über zwei Generationen greift, hat es in sich.

Norrland um 1900, Unni, Armod und der kleine Roar verlassen überstürzt Norwegen. Zu Fuß legen die drei viele Kilometer zurück, bis sie endlich in Schweden eine verwahrloste Kate finden und sie zu ihrem neuen Zuhause auserkoren. >Frieden< so nennt Unni ihr neues Heim. Doch so leicht wird es ihr und ihrer kleinen Familie nicht gemacht. Armod versucht mit einfachen Mitteln das neue Zuhause wohnlicher zu gestalten. Er arbeitet hart, denn Unni erwartet ihr zweites Kind. Es sind erbarmungslose Zeiten im Winter. Hunger zu leiden ist für die Familie tägliches Programm. Doch sie wollen gemeinsam durchhalten, ihr Land bestellen, um davon leben zu können. Als Unni mit ihrem dritten Kind schwanger ist geschieht ein einschneidendes Unglück, das weitreichende Folgen hat.

Tränen schmecken nach Meer. Das Meer schmeckt nach Tränen. Ich wollte nicht weg, wollte dir, Roar, nicht diese Wanderung ins Unbestimmte antun, aber ich hatte keine Wahl. – Seite 15

Ungefähr 70 Jahre später, Kara beabsichtigt die Beerdigung ihres Schwiegervaters Roars zu planen. Ihrer Schwiegermutter Bricken fällt dies schwer. Überhaupt hat Kara mit Bricken kein gutes Verhältnis. Kara war immer neidisch auf die harmonische Ehe von Roar und Bricken. Sie selbst mit Dag verheiratet, ihr gelingt das nicht. Denn Kara ist verlogen, missgünstig und bösartig. Nur zu Roar pflegte sie einen anderen Umgang. Ihn wollte sie erobern. Doch nun ist er gestorben und Kara, die nie in diesem zugigen Haus mit Namen > Frieden < leben wollte, hat nun die Chance nochmals neu anzufangen. Und je länger Kara und Bricken alleine versuchen die Beerdigung zu regeln, gelangen Geheimnisse ans Licht. Und welche Verbindung hatten Unni und Kara über Jahrzehnte hinweg?

Mein Herz ist eine Krähe hoch oben auf dem Baum. Mal krächzt sie in der Ferne, mal kommt sie näher. – Seite 11

>Mein Herz ist eine Krähe < ist keine leichte Kost, jedoch geht es hier bei aller Mühseligkeit, Verzweiflung und immensen Verlust auch um die Liebe. Die Liebe zwischen Unni und Armod und die Liebe zwischen Bricken und Roar. Und die scheint groß und innig.

Lina Nordquist schreibt sehr atmosphärisch. Die skandinavische Naturverbundenheit ist teils lakonisch, teils poetisch verpackt. Eine besondere Mischung, die die Stimmung geradezu fühlbar macht. Für mich ein absolut gelungenes Debüt, mit großem Nachhall.

Das Cover zeigt ein Gemälde von Max Ducos >the red pines< von 2015. Die Borken der Kiefern sind rotbraun, die Blätter in grün, blau und weiß.

  • Mein Herz ist eine Krähe
  • Lina Nordquist
  • Roman
  • Diogenes Verlag
  • ISBN: 9783257072617
  • 453 Seiten
  • Übersetzt von Stefan Pluschkat