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Entwurzelte Schatten ~ Paul Éluard ~ Fragen an den Übersetzer Jakob Leiner

Ein ganz besonderes Plus meines diesjährigen Patenbuchs für die Hotlist ist der persönliche Kontakt zu Jakob Leiner, dem Übersetzer des Gedichtbandes. Da ich bisher nur wenig Einblick in die vielfältige und anspruchsvolle Arbeit von Literaturübersetzer hatte, war dies für mich ein schöner Anlass, Jakob Leiner einige Fragen zu stellen. Zugleich bot sich die Gelegenheit, mein exzeptionelles Patenbuch noch einmal aus einer ganz neuen Perspektive vorzustellen. Nicht nur als literarisches Werk, sondern auch durch die Augen desjenigen, der seine Sprache und seinen Ton für die Leser einer anderen Sprache neu zum Leben erweckt.

Jakob, wie hast du entschieden, welche Wörter und Formulierungen möglichst genau am französischen Original bleiben sollten?

Die Nachdichtungen geschahen auf Basis von Interlinearübersetzungen, die ich von allen Texten angefertigt habe. Grundsätzlich ist das stets ein Abwägen zwischen der Nähe zum Originaltext und dem Finden eines dichterischen „Sounds“, der auch im Deutschen eine Bedeutung zu transportieren vermag.

Gab es Stellen, bei denen du dich bewusst vom Original entfernen musstest, damit die Bedeutung im Deutschen erhalten bleibt?

Ja, das hat manchmal auch strukturelle Gründe, z.B. ist bei einigen Texten das Versmaß im Deutschen notwendigerweise ein anderes als im Französischen. Sprache ist Rhythmus, ist Prosodie.

Wie hast du den poetisch surrealistischen Stil Éluards bei der Übersetzung bewahrt?

Durch ausgiebiges Feilen. Es soll Schwirren, Flirren und Schockieren.

Hat sich deine eigene Interpretation mancher Gedichte durch die Arbeit an der Übersetzung verändert?

Ja, immer wieder. Vor allem, weil durch die Vertonungen von Poulenc noch eine zusätzliche Interpretationsebene – musikalisch gehighlightet – hinzukommt, die ich für die Nachdichtungen der „Vertonten Gedichte“ berücksichtigt habe. In dieser Bedeutungsaufgeladenheit und Informiertheit hilft für die eigene Arbeit letztlich nur eins: Man muss sich entscheiden.

Gab es Schwierigkeiten bei der Übersetzung von Éluards Sprache und seinen Gedichten ins Deutsche?

Klar, aber an diesen Herausforderungen wachsen die Texte.

Was ist das Interessante am französischen Surrealismus?

Sein Erscheinen als philosophische Praxis, die ausgeloteten Untiefen des Imaginären, die Manie der Idee (siehe mein Vorwort „Manifest und Wirklichkeit“).

Welches Gedicht von Paul Éluard hat es dir besonders angetan?

Da gibt es zu viele, aber wenn ich heute eines herausgreife, ist das: „Rôdeuse au front de verre” / „Streunerin mit gläserner Stirn“ aus dem Poulenc-Liederzyklus „Cinq Poèmes de Paul Éluard“ / „Fünf Gedichte von Paul Éluard“.

streunerin mit gläserner stirn
ihr herz schreibt sich in einen schwarzen stern
ihre augen zeigen ihren kopf
ihre augen haben die frische des sommers
die wärme des winters
ihre augen sind durchlässig lachen sehr laut
ihre augen erspielen sich ihren teil klarheit
streunerin mit gläserner stirn.

Seite 25

Herzlichen Dank, lieber Jakob Leiner, für diesen persönlichen Einblick in die Welt des literarischen Übersetzens und für die Zeit, die du dir für meine Fragen genommen hast. Deine Antworten haben mir noch einmal gezeigt, wie viel Feingefühl, Kreativität und sprachliches Gespür hinter einer gelungenen Übersetzung steckt. Umso schöner, mein Patenbuch nun auch aus diesem besonderen Blickwinkel betrachten zu können.

Und hier geht es zur Abstimmung (nur noch bis 4.September 2026) für die Hotlist: https://www.hotlist-online.com/wahllokal-polling/

  • Entwurzelte Schatten
  • Paul Éluard
  • Vertonte Gedichte –  französisch / deutsch
  • Radius Verlag
  • ISBN: 978-3-87173-566-0
  • 152 Seiten 
  • Übersetzung und Vorwort von Jakob Leiner
  • Erschienen 2025

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