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Die Schönheit der Distanz ~ Nao – Cola Yamazaki

Bewegung ist interessant. Wenn man sich auf die Bewegung konzentriert, verwischen die Grenzen des Seins. Die Katze verschwimmt, auch der Zug. Man könnte meinen, die Dinge existierten erst in der Bewegung. Im Stillstand lösen sich ihre Umrisse in der Umgebung auf, nur in der Bewegung zeichnen sie sich ab. Mit diesen Zeilen beginnt der Roman.

Ein Mann sitzt in einem Café mit Blick auf den Bahnhof. Vor ihm ein Glas grüner Saft, um ihn herum das Kommen und Gehen der Menschen, die ihre Taschen tragen, auf die Uhr sehen, Züge erreichen. Er nippt an seinem Saft und beobachtet die Menge. Für einen kurzen Augenblick scheint die Zeit aus ihrem Takt zu fallen. Er wartet auf den Bus, der ihn zu seiner Frau bringen wird.

Im Krankenhaus bürstet er ihr jeden Tag das Haar. Eine kleine, beinahe alltägliche Geste, die inmitten des Unausweichlichen ihre eigene Zärtlichkeit bewahrt. Während seine Hände vertraute Bewegungen vollziehen, wandern seine Gedanken zurück: zu den Jahren, den gemeinsamen Wegen und zu den unscheinbaren Augenblicken, aus denen sich ein Leben zusammensetzt. Und zu der leisen Erkenntnis, dass ihm die Frau, die er liebt nun langsam entgleitet. Je näher der Abschied rückt, desto mehr beginnt er über die eigentümliche Zeit nachzudenken, die einer Krankheit vorausgeht und sie zugleich begleitet. Für den Tod scheint es einen festen Platz zu geben, Rituale und eine Zeit zum Innehalten. Aber wie lässt sich die Zeit davor begreifen? Jene Tage, in denen ein Mensch noch da ist und man doch schon um ihn bangt? Vielleicht ist es gerade diese Zwischenzeit, die sich jeder Ordnung entzieht.

Also versucht er, seiner Frau Hoffnung zu schenken. Nicht die große, pathetische Hoffnung, die alles verspricht, sondern eine stille Hoffnung, die sich im Gewöhnlichen verbirgt: im Bürsten des Haars, im Unterstützen beim Waschen, im Warten auf den Bus, in einem gemeinsamen Blick, in der Entscheidung, den Alltag noch einmal Alltag sein zu lassen. Denn vielleicht braucht es Grenzen, um diese Normalität zu bewahren. Manche Wahrheiten dürfen nicht jeden Moment ins Bewusstsein drängen und manche Fragen müssen unausgesprochen bleiben. Und vielleicht liegt gerade darin keine Verdrängung, sondern eine Form der Liebe: in der behutsamen Distanz, die einen Menschen nicht auf seine Krankheit reduziert, sondern ihm erlaubt, für einen Augenblick einfach der Mensch zu bleiben, der er immer war.

Ich empfand diesen Roman als eine sehr feinfühlige und berührende Geschichte über Pflege und Fürsorge, Nähe und Abschied. Nao-Cola Yamazaki erzählt mit großer Klarheit und viel Gespür für die leisen Zwischentöne. Besonders berührt hat mich, wie die Liebe hier nicht durch große Gesten sichtbar wird, sondern in den kleinen Handlungen des Alltags fortbesteht. Zugleich fand ich die stille Auseinandersetzung mit dem Abschied und der Endlichkeit sehr eindringlich. Der Roman zeigt auf behutsame Weise, wie schwer es sein kann, für die letzten gemeinsamen Tage einen eigenen Rhythmus zu finden, während das Leben um einen herum einfach weitergeht.

Ein stilles, zutiefst menschliches Buch über das Festhalten und Loslassen und über die Schönheit jener behutsamen Distanz, die manchmal nötig ist, um einem geliebten Menschen ganz nah zu bleiben. Ein außergewöhnlicher Roman, der noch lange nachklingt.

Das Cover zeigt eine leicht verschwommene Aufnahme einer weißen Vase mit gelben Blumen, die auf einer roten Fläche steht. Die Schrift ist in Rot, Schwarz und Beige gehalten und hebt sich auf dem weißen Hintergrund ab.

  • Die Schönheit der Distanz
  • Nao-Cola Yamazaki
  • Roman
  • Dumont Verlag
  • ISBN: 978-3-7558-1217-3
  • Übersetzung Katja Busson
  • 160 Seiten
  • Erschienen im August 2026

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