Was für eine Geschichte. Dieser autobiographische Roman hat mich gerührt, erschüttert und begeistert zurückgelassen.

Frankreich im Jahre 2003. Lélia findet unter ihrer Post eine Postkarte mit vier Namen ihrer in Auschwitz verstorbenen Familie, ohne Absender oder Unterschrift. Schockiert legt sie die Karte in eine Schublade und schweigt jahrelang darüber. Überhaupt verdrängt Lélia ihre Vergangenheit und ihre Herkunft. Doch ihre Tochter Anne möchte mehr über ihre Ahnen wissen. Dieser Wunsch wird verstärkt als ihre kleine Tochter in der Schule Antisemitismus zu spüren bekommt. Nur zögerlich erzählt Lélia die Tragödie ihrer Familie. Alte Wunden reißen auf. Unfassbares tritt zu Tage.

In den 1920er Jahren flieht die Familie Rabinovitch von Russland nach Frankreich. Hier leben sie nun ein ruhiges und gutsituiertes Leben. Ephraïm mit Emma und ihren Kindern Noémie, Myriam und Jacques. Die Lage in Europa spitzt sich über Jahre drastisch zu, doch auf die guten Ratschläge Europa zu verlassen, reagiert Ephraïm ablehnend. Er meint der steigende Antisemitismus ginge bald vorüber. Ein Irrglaube die der Familie das Leben kostet. Nur Myriam kann dem Holocaust entgehen. Sie schließt sich dem Widerstand an.

Lélia ist die Tochter von Myriam und gemeinsam mit ihrer Tochter Anne begibt sie sich zu Beginn, widerwillig auf die Spurensuche ihrer Familie. Die beiden Frauen reisen umher und versuchen nun endlich Licht in die Familiengeschichte zu bringen und das Rätsel der Postkarte zu lösen.

Im (Stamm-) baum finden wir traumatisierte, nicht verarbeitet Stellen, die unablässig versuchen zu heilen. Von diesen stellen aus werden Pfeile in die zukünftigen Generationen geschossen. Was nicht gelöst werden konnte, muss wiederholt werden und einen anderen treffen, ein Ziel, das eine oder mehrere Generationen entfernt ist.

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Anne Berest hat hier ein besonderes Andenken an ihre Vorfahren geschaffen. Sie zeichnet die einzelnen Etappen der Familie auf, lässt historische Quellen einfließen und knüpft ein virtuoses Band zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Des weiteren beleuchtete sie den Antisemitismus damals und in der heutigen Zeit. > Die Postkarte< ist spannend wie ein Thriller und absolut exquisit geschrieben. Eine mitreißende Erinnerungsliteratur!

Das Cover zeigt eine Collage aus dem Porträtfoto von Noémie Rabinovitch und der Postkarte.

  • Die Postkarte
  • Anne Berest
  • Roman
  • Berlin Verlag
  • ISBN: 9783827014641
  • 538 Seiten
  • Übersetzt von Amelie Thoma und Michaela Meßner