Dieser Text entstand 1930/31 und wurde erst im Jahre 1965 veröffentlicht. Gertrud Kolmar verstarb 1942 im KZ Auschwitz. Einige Elemente muten autobiografische Züge an. Dieser Prosatext spielt in den späten zwanziger Jahren und weist auf den erstarkenden Antisemitismus hin. Doch im Vordergrund steht zunächst eine abscheuliche Tat.

Martha Wolg, Tochter einer aus Westposen nach Berlin übersiedelten assimilierten jüdischen Familie, lebt allein mit ihrem Kind Ursula. Ihr Mann ist früh verstorben und so arbeitet sie als Fotografin um ihre kleine Familie zu ernähren. Die fünf-jährige Ursula ist eines Tages verschwunden. Martha findet ihr geschändetes Kind und bringt es in ein Krankenhaus. Doch die kleine Ursula ist nicht mehr zu retten.

Für Martha bricht eine Welt zusammen. Sie will, dass der Mörder zur Rechenschaft gezogen wird. Ein junger Mann wird Marthas Werkzeug und die beiden beginnen eine Affäre. Die unter keinem guten Stern steht. In dieser, ach so verzweifelten Lage, in der sich Martha befindet, spürt sie zunehmend die Ablehnung gegen sich in ihrer unmittelbaren Umgebung.

Der Geliebte? Die beiden redeten in einem Land, das Martha niemals betreten.

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Ich muss gestehen die ersten Seiten, als es primär um Ursula geht, haben mich gefordert, da sie so schmerzvoll waren. Doch dann geht es Hauptsächlich, den Mörder ausfindig zu machen und um diese toxische Affäre. Unterwandert wird das Ganze mit dem Antisemitismus, der immer weiter auflodert. Und in all diesen unheilvollen Situationen malt Gertrud Kolmar ganz besondere Beschreibungen aufs Papier.

Sternenklar. Vor ihrem Blick hielt der große Wagen; das Gestirn seiner Deichsel lag scharf flimmernd in den Himmel hinein. Andere Welten, die sie nicht kannte, blühten und glitzerten.

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Ein Mischwald grimmiger zerfurchter Eichen, dämmerrot, traurigrot glimmernder Kiefern, elefantenhäutiger Buchen. Strolchendes Unterholz.

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>Die jüdische Mutter < ist ein berührendes Zeitzeugnis am Ende der zwanziger Jahre, vor fast einhundert Jahren. Es hat von seiner Aktualität rein Garnichts verloren. Unfassbar erschreckend.

  • Die jüdische Mutter
  • Gertrud Kolmar
  • Suhrkamp
  • ISBN: 3548123704
  • 214 Seiten
  • Mit einem Nachwort von Esther Dischereit