Rezensionsexemplar – Unbezahlte Werbung

Im Herbst 1946 reist Stig Dagerman im Auftrag einer schwedischen Zeitung nach Deutschland. Dort soll er sich ein Bild über das zerstörte Land machen. Was er auf seinen 13 Stationen – Berlin, Hamburg, das Ruhrgebiet, Frankfurt, Heidelberg und München sieht, um nur einige zu nennen, fasst er in einem Reisebericht zusammen.

Stig Dagerman sieht genau hin, nimmt die Ruinenlandschaft Deutschland in sich auf. Besucht Familien die in teilweise wassergefüllten Ruinen im Ruhrgebiet hausen.

>Man verlangte von den Menschen, die gerade den deutschen Herbst durchlitten, dass sie aus ihrem Unglück lernen sollten. Man bedachte nicht, dass der Hunger ein ausgesprochen schlechter Pädagoge ist. Wer wirklich hungert, klagt wegen seines Hungers nicht sich selbst an, wenn er vollkommen hilflos ist, sondern die, von denen er glaubt, Hilfe erwarten zu können.<- Seite 17

Er erzählt auch von einer großen Gruppe von ehrlichen Antifaschisten, die enttäuscht wurden, weil die Befreiung nicht so radikal verlief, wie sie es erhofft hatten.

>Diese Menschen sind Deutschlands schönste Ruinen, aber bis auf Weiteres genauso unbewohnbar wie die eingestürzten Häusermassen zwischen Hasselbrook und Landwehr, die in der nassen Herbstdämmerung beißend und bitter nach erloschenen Bränden riechen.< – Seite 28

Im Kapitel > Die Gerechtigkeit nimmt ihren Lauf < ,beschreibt er seine Beobachtungen bei einem Entnazifizierungsprozess. Dort ist ein 73-jähriger Frankfurter Blockwart angeklagt, er soll durch Denunziation mehrere jüdische Mitbewohner in den Tod geschickt zu haben. Er bestreitet die Anschuldigungen.

Zu guter Letzt noch ein Zitat, das bezeichnend für den Blick auf die Dinge von Stig Dagerman war. Er wertete nicht und verdammte die Deutschen auch nicht, er sah mit den Augen der Neutralität, gab Gedanken dazu preis und blieb seiner Linie treu. Sehr große Leseempfehlung!

>Ein Vorwintersonntag in München mit kalter Sonne. Die lange Prinzregentenstraße, von der einer der unglücklichsten Helden der Weltliteratur einst seine Reise zum Tod in Venedig antrat, liegt verlassen im frostigen Morgenlicht. In der ganzen Welt gibt es nichts so Einsames und Verlassenes wie eine menschenleere Prachtstraße an einem kühlen Morgen in einer bombardierten Stadt. < – Seite 87

Anmerkung: Stig Dagerman geboren 1923, nahm sich 1954 das Leben.

Das Cover ist dunkelgrün mit schwarzem Titel.

  • Deutscher Herbst
  • Stig Dagermann
  • Reisebericht
  • Guggolz Verlag
  • ISBN:9783945370315
  • 190 Seiten
  • Übersetzt von Paul Berf mit einem Nachwort und einer Briefauswahl

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