
Norwegen. Molli kehrt nach Jahren zum ersten Mal in ihre Heimatstadt zurück. Ein Ort, der mehr Erinnerungen als Trost bereithält. Ihr Bruder Bill liegt reglos im Krankenhaus, gefangen zwischen Leben und Nichtsein, nachdem man ihn schwer verletzt neben der Leiche seines Freundes Ib gefunden hat. Während sie an seinem Bett wacht, beginnt sich in ihr die Vergangenheit zu entfalten, Schicht für Schicht, wie ein lange verdrängter Traum.
Alles nimmt seinen Anfang viele Jahre zuvor: In den 1990er Jahren – Damals, als ihre Mutter Karla sich in Frank verliebte. Mit ihm zog eine neue Ordnung in ihr Leben ein, zunächst unscheinbar und beinahe verheißungsvoll. Doch was als Hoffnung begann, verwandelte sich bald in ein enges Geflecht aus Kontrolle und Strenge. Im Haus stank es nach Zigarettenrauch und Aquarium. Die Schrotflinte und ein Pornokalender hingen an der Wand. Außerhalb eine trostlose Einöde. Frank bestimmte den Rhythmus ihres Alltags, ließ keinen Raum für Unbeschwertheit, und aus einem einfachen, wenn auch bescheidenen Zuhause wurde ein Ort der ständigen Anspannung.
Dann kam jener Sommer, der alles veränderte. Karla und Frank verreisten, ließen die Kinder zurück. Unter der kaum vorhandenen Aufsicht eines überforderten Onkels. Plötzlich brach die strenge Ordnung weg, und an ihre Stelle trat eine Freiheit, die ebenso verlockend wie gefährlich war. Grenzen lösten sich auf, Regeln verloren ihre Bedeutung, und das, was wie ein Aufatmen begann, kippte bald in Ungewissheit und Chaos.
Während Molli nun neben Bill sitzt, wird ihr klar, wie eng Gegenwart und Vergangenheit miteinander verwoben sind und dass die Schatten jener Tage noch immer in ihr Leben hineinreichen. In eindringlicher, fein nuancierter Sprache entfaltet sich das Erleben der fünfzehnjährigen Molli. Ein Geflecht aus stiller Vernachlässigung und den zäh dahinfließenden Tagen eines endlosen Sommers, der zugleich verheißungsvoll und beklemmend über ihrer Jugend liegt.
Auch in ihrem zweiten Roman, nach dem Debüt Skabelon, widmet sich Malin C. M. Rønning mit beklemmender Intensität einem Thema, das unter die Haut geht: Eltern, die keine Grenzen kennen und ihre Verantwortung gegenüber den eigenen Kindern in erschütternder Weise missachten. Und doch durchzieht ihr Schreiben stets ein leiser Gegenklang. Ein zarter Keim von Hoffnung, der sich unaufdringlich in die Dunkelheit einschreibt. Ausgesprochene Leseempfehlung!
Das Cover zeigt ein gemäldeartiges Motiv: eine fragmentarische Ansicht einer Glasvase, in der ein einzelner Stängel Brunnenkresse steht. Die Typografie hebt sich in Weiß und Gelb ab.
- Das zwölfte Haus
- Malin C. M. Rønning
- Roman
- Karl Rauch Verlag
- ISBN: 978-3-7920-0295-7
- 320 Seiten
- Übersetzt von Andreas Donat
- Erschienen 2026
Schreibe einen Kommentar