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Zwischen den Akten ~ Virginia Woolf

Zwischen den Akten ist im Sommer 1939 angesiedelt, in einer Zeit, in der Europa bereits unter der Oberfläche erzittert. Die politischen Erschütterungen, der Anschluss Österreichs, die Zerschlagung der Tschechoslowakei, die Bedrohung Polens, der Fall Barcelonas, bleiben unausgesprochen, sind aber allgegenwärtig. Über allem liegt das Wissen um eine nahende Katastrophe. Geschrieben wurde der Roman größtenteils, als diese Katastrophe bereits Realität geworden war: nach der Niederlage Frankreichs, während der Luftschlachten über England und der Angst vor der Invasion.

Vor diesem Hintergrund des sichtbaren Zusammenbruchs der alten Welt entwirft Virginia Woolf ein letztes, vielschichtiges Panorama Englands, seiner Geschichte, Literatur, Landschaften und Mentalitäten. In der Form eines dramatisch komponierten Bilderbogens, episodisch gebündelt in den Verlauf eines einzigen Sommertages, durchzogen von lyrischen Einsprengseln, Zitaten und poetischen Nachahmungen, die von den Figuren selbst hervorgebracht werden, entsteht ein vielstimmiges Gewebe aus Vergangenheit und Gegenwart.

Im Mittelpunkt steht ein dramatisches Spiel — das alljährliche Dorffest, das auf dem Gelände des fiktiven Landhauses Pointz Hall zur Aufführung kommt. Dorfbewohner und die Bewohner des Hauses, die Familie Oliver, versammeln sich als Publikum und Mitwirkende. In lose verbundenen Szenen entfaltet das Festspiel Bilder aus der englischen Geschichte und Literatur, die sich über Jahrhunderte spannen und wie flüchtige Tableaus durch die Gegenwart des Sommertags ziehen. Vergangenheit und Gegenwart verschränken sich dabei zu einem poetischen Panorama nationaler Erinnerung.

Dieser Roman ist ein literarisches Gesamtkunstwerk, das zugleich von einer eigentümlichen Leichtigkeit und Skizzenhaftigkeit getragen wird. Gerade diese scheinbare Beiläufigkeit verdeckt die Raffinesse der Konstruktion und verleiht dem Roman eine Offenheit, wie sie keinem ihrer früheren Werke eigen ist. Das alljährliche Schauspiel wird zur vielschichtigen Metapher der heraufziehenden Katastrophe des Zweiten Weltkriegs. Gerade dieser Kunstgriff hat mich beim Lesen tief beeindruckt: die subtile, atmosphärisch dichte Inszenierung, in der sich Unheil ankündigt, ohne je ausgesprochen zu werden. In dieser poetischen Spiegelung gelingt Virginia Woolf ein literarisches Echo auf das Europa jener Zeit. Brüchig, schwebend, von leiser Vorahnung durchzogen. Ausgesprochene Leseempfehlung!

Anmerkung: Am 20. März 1941 schickte Virginia Woolf das Typoskript an John Lehmann, den Leiter der Hogarth Press, mit der Bitte, es zu lesen und ihr sein Urteil mitzuteilen – sie selbst halte den »sogenannten Roman« für »viel zu leichtgewichtig und skizzenhaft«, Leonard sei anderer Meinung. Lehmann war begeistert. Etwa am 27. März schrieb ihm Virginia Woolf noch einmal – der Roman sei zu töricht (silly) und trivial, sie wolle ihn gründlich revidieren, jedenfalls in dieser Form nicht publizieren. Als Lehmann diesen Brief erhielt, war sie bereits tot – am 28. März 1941 nahm sie sich das Leben.

Das Cover zeigt eine Illustration von Bäumen vor dem Hintergrund einer Englandkarte, gehalten in klarer, reduzierter Gestaltung. Die Typografie erscheint in Schwarz.

  • Zwischen den Akten
  • Virginia Woolf
  • Roman 
  • S. Fischer Verlag
  • ISBN: 978-3-10-092561-9
  • 164 Seiten
  • Übersetzt von Adelheid Dormagen 
  • Erschienen 1992

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