
Alle verfallen ihr.
Ruth geht durch die Straßen, und etwas geht mit ihr, etwas Unsichtbares, das die Blicke anzieht wie der Mond das Wasser. Sie trägt ihren Glanz nicht wie Schmuck, sondern wie eine zweite Haut. Die Menschen wenden sich nach ihr um, bleiben stehen, vergessen für einen Moment, wohin sie eigentlich wollten. In ihrem Gang liegt Gewissheit, in ihrem Gesicht ein Versprechen. Ruth weiß, dass sie gesehen wird. Und sie lässt es geschehen. Ruth ist kein gewöhnlicher Mensch. Sie kommt mit einem Fell zur Welt, dicht und dunkel, wie schon ihre Mutter und ihre Großmutter. Ein Erbe, das man nicht erklären kann und über das man besser schweigt. Doch am Ende ihrer Kindheit fällt das Fell von ihr ab. Es verschwindet, als hätte die Haut selbst beschlossen, ein Geheimnis preiszugeben. Zurück bleibt Ruth und die Kraft. Die Kraft ist älter als sie. Sie sitzt in ihren Händen, in ihrem Atem, vielleicht sogar in ihrem Schweigen.
Ruth kann Gewitter rufen, wenn der Himmel noch blau ist. Sie kann einen Bach zum Verstummen bringen, indem sie nur an seinem Ufer steht. Dinge gehorchen ihr, ohne dass sie sie berührt. Sie hebt einen Gegenstand an, und die Schwerkraft scheint sich zu erinnern, dass auch sie nur eine Vereinbarung ist. Aber ihre größte Gabe ist zugleich ihre gefährlichste. Ruth kann Menschen in Tiere verwandeln. Nicht für immer. Nur für eine Weile. Und vielleicht ist gerade das der Grund, weshalb sie kommen. Sie kommen zu ihr und wollen vergessen, wer sie geworden sind. Für ein paar Stunden möchten sie keine Namen mehr tragen, keine Berufe, keine Eheringe und keine Schulden. Sie möchten aus ihren Körpern heraus, aus ihren Wohnungen, aus ihren Kalendern, aus diesem unablässigen, vernünftigen Leben.
Bei Ruth werden sie zu Quallen und treiben durch fremdes Blau. Sie werden zu Langusten, zu Hunden, zu Vögeln, zu Echsen, die reglos in der Sonne liegen. Manche wünschen sich Flügel, andere Schuppen. Manche wollen nur einmal im Leben nichts erklären müssen. Und wenn Ruth ihre Kraft mit ihnen teilt, geschieht etwas Seltsames. Die Menschen sehen. Sie sehen das Glück, das ihnen so lange vor Augen gelegen und das sie doch nicht erkannt haben. Sie sehen die Abzweigungen ihres Lebens, die sie nie genommen haben. Sie sehen, was aus ihnen hätte werden können und was sie dafür zurückgelassen haben. Sie erinnern sich an Dinge, von denen sie glaubten, sie längst vergessen zu haben. Und aus dieser Erinnerung wächst die Sehnsucht.
Ruth schenkt ihnen nicht bloß eine andere Gestalt. Sie schenkt ihnen für einen Augenblick ein anderes Verhältnis zur Welt. Eine Welt, in der man nicht funktionieren muss, in der der Körper wieder Geheimnis sein darf und das Leben nicht aus Rechnungen, Sitzungen und den immergleichen Handgriffen des Alltags besteht.
Doch Ruths Kraft ist nicht nur ein Spielzeug für die Müden und die Sehnsüchtigen. Sie hilft denen, die sich nicht selbst helfen können. Den Menschen, die Gewalt erfahren, gibt sie eine andere Haut. Eine Haut, die nichts festhalten kann. Einen Körper, der fliehen kann. Eine Gestalt, in der die Angst für eine Weile keinen Namen findet. Vielleicht liegt darin ihre eigentliche Macht: dass sie Menschen daran erinnert, dass sie mehr sind als das, was ihnen widerfährt. So wird Ruth zum Zufluchtsort. Und zur Gefahr. Denn wer einmal erfahren hat, wie leicht es sein könnte, jemand anderes zu sein, für den wird das eigene Leben schwerer.
Dann kommt Linda. Schön auf eine Weise, die nicht darum bittet, bewundert zu werden. Linda betritt Ruths Welt, als hätte sie längst einen Platz darin. Aber Linda gehört nicht nur sich selbst. Sie ist verheiratet. Sie trägt ein anderes Leben an ihrem Finger, einen anderen Namen in der Welt, ein Versprechen, das vor Ruth da war. Und plötzlich versagt Ruths Kraft. Oder vielleicht beginnt sie genau hier erst wirklich zu wirken. Denn Linda will keine Qualle sein, keine Languste, kein Vogel, keine Echse. Sie will nichts vergessen. Sie will bleiben, wer sie ist. Und Ruth muss zum ersten Mal erfahren, dass es einen Menschen gibt, den sie nicht verwandeln kann. Einen Menschen, bei dem sie selbst nicht weiß, in was sie sich verwandelt. Was soll nun werden?
Besonders faszinierend fand ich Ruths Fell, mit dem sie zur Welt kommt. Für mich steht dieses Fell für Stärke, Vitalität, Macht und Schutz. Für eine ursprüngliche, archaische Kraft, die unmittelbar mit der Natur verbunden ist. Es ist, als trüge Ruth bei ihrer Geburt noch sichtbar jene Urkraft in sich, die der Mensch im Laufe seines Lebens zunehmend verliert. Mit dem Eintritt in die Pubertät fällt das Fell von ihr ab. Doch die Kraft bleibt. Sie wandelt sich lediglich. Ruth kann Gewitter heraufbeschwören, Bäche zum Versiegen bringen, Dinge bewegen und vor allem kann sie Menschen für eine begrenzte Zeit in Tiere verwandeln. Was für eine faszinierende Gabe. Denn Ruth ermöglicht den Menschen nicht einfach eine Flucht aus ihrem Alltag. Sie schenkt ihnen für einen Augenblick die Möglichkeit, aus ihrem gewohnten Menschsein herauszutreten. Als Tiere erfahren sie eine andere Form von Freiheit und manchmal auch eine Wahrheit über sich selbst. Ruths Kraft ist damit weit mehr als ein fantastisches Element. Sie wird zum Spiegel. Wer sich von ihr verwandeln lässt, sieht plötzlich, was im eigenen Leben fehlt, was einmal möglich schien und verloren gegangen ist, wonach man sich insgeheim sehnt. Für manche ist diese Verwandlung eine Flucht, für andere eine Lektion. Und für diejenigen, die Gewalt erfahren, kann sie sogar zu einer Form von Schutz und Befreiung werden.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Bedeutung von Ruths Kraft: Sie gibt den Menschen für einen Moment zurück, was ihnen das Leben genommen oder was sie selbst vergessen haben.
Ich muss zugeben, der Roman hat mich zuerst etwas ambivalent zurückgelassen. Einerseits hat mich seine poetische Sprache sehr berührt. Jene eigentümliche, beinahe märchenhafte Tonlage, die stellenweise an ein Fabelreich erinnert und der Geschichte etwas Zeitloses, Entrücktes verleiht. Andererseits blieb für mich nach der Lektüre vor allem eine Frage zurück: Was ist die eigentliche Aussage dieses Romans? Was möchte er uns, hinter all der Magie, erzählen? Wenn ich etwas Gelesenes nicht eindeutig greifen kann, versuche ich mich dem Kern über den Namen der Hauptfigur zu nähern. Namen tragen schließlich oft etwas in sich, selbst wenn es nur eine leise Spur ist.
Ruth. Der Name steht für die Freundin, die Gefährtin, die Treue. Und je länger ich darüber nachdachte, desto stimmiger erschien mir diese Bedeutung. Denn genau das ist Ruth. Sie ist diejenige, die bleibt. Die ihre Kraft nicht nur für sich selbst besitzt, sondern sie mit anderen teilt. Die Menschen aus ihrem Leben herausholt, sie schützt, ihnen einen anderen Blick auf sich selbst ermöglicht und ihnen etwas zurückgibt, das ihnen abhandengekommen ist. Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft des Romans: dass Stärke nicht allein darin liegt, Macht über andere zu besitzen, sondern darin, etwas von der eigenen Kraft weiterzugeben. Dass wir manchmal jemanden brauchen, der uns für einen Augenblick aus unserer gewohnten Gestalt befreit, damit wir erkennen können, wer wir eigentlich sind. Ruth ist dabei weniger Heldin als Gefährtin. Weniger Erlöserin als Begleiterin. Sie bleibt. Das ist Ruth.
Einen kleinen Kritikpunkt möchte ich dennoch anmerken: Das Buch hat für meinen Geschmack stellenweise einige Längen. Eine etwas schlankere Fassung hätte der Geschichte gutgetan. Vielleicht hätte sie dadurch sogar noch mehr von ihrer eigentümlichen Kraft entfalten können.
Und während ich das schreibe, muss ich schmunzeln: Mein eigener Eindruck zu diesem Buch ist für meine Verhältnisse ungewöhnlich ausschweifend geworden. Vielleicht ist auch das eine der Stärken von Ruth: Man kommt nicht so schnell von ihr los. Eine ausgesprochene Leseempfehlung!
Das Cover zeigt eine Arbeit der Künstlerin Julia Weber: Körper und Schuppen und Oktopus mit Fell aus dem Jahr 2025. Die Motive sind vollständig in Rot gehalten und heben sich wirkungsvoll von einem Hellblau des Hintergrunds ab. Die weiße Typografie bildet dazu einen klaren Kontrast.
- Weil ich Ruth bin
- Julia Weber
- Roman
- Limmat Verlag
- ISBN: 978-3-03926-101-7
- 464 Seiten
- Erschienen 2026
- auf der Longlist – der Hotlist 2026
Schreibe einen Kommentar