
In der Dämmerung steigt die Künstlerin Coro in ihr Auto, getrieben von einer unbestimmten Unruhe. Ohne Ziel, ohne ihr Handy, lässt sie die vertraute Welt hinter sich und fährt hinein in die Dunkelheit. Ahnungslos, dass sie sich einem Ort nähert, der mehr Grenze als Zuflucht ist. Als ihr Wagen schließlich den Geist aufgibt und das Benzin versiegt, bleibt ihr nichts anderes übrig, als Hilfe zu suchen. Man gewährt sie ihr zögerlich, unter der Bedingung, die Nacht zu bleiben. So betritt Coro Betania.
Ein Haus fernab jeder Ordnung, bewohnt ausschließlich von Frauen, die sich gleichen in Kleidung und Auftreten, als wären sie Teil eines geheimen Musters. Sie feiern rätselhafte Rituale, leben nach eigenen, unausgesprochenen Regeln. Überall sind Hunde, wachsam, beinahe wie Hüter dieses abgeschlossenen Kosmos. Die Natur ringsum wirkt ungezähmt, fast bedrohlich: Ein gewaltiger Fels verschlingt das Licht, ein See zieht sich wie eine unsichtbare Grenze durch die Landschaft, über den unaufhörlich Vögel kreisen.
Coro versucht zu fliehen, einige Male, doch ihre Versuche tragen nicht die Entschlossenheit wirklicher Befreiung. Es ist, als hielte nicht nur der Ort sie fest, sondern auch etwas in ihr selbst. Während sie die Frauen beobachtet, die dort leben, in stiller Übereinkunft, in eigenwilliger Ordnung, halb autark, halb entrückt, beginnt sich ihr Widerstand zu verändern. Ihre innere Zerrissenheit glättet sich, nicht abrupt, sondern wie von der Natur selbst gedämpft.
Vielleicht ist es die Trauer um ihre ertrunkene Schwester, die in diesem Ort eine seltsame Resonanz findet. Vielleicht ist es die stille Gewissheit, dass die Frauen von Betania sie längst kennen, als hätten sie auf sie gewartet. Schritt für Schritt verliert sich die Trennung zwischen ihr und diesem Ort. Zwischen Körper und Landschaft, zwischen Erinnerung und Gegenwart.
Und während sie bleibt, ohne zu wissen warum, beginnt sie etwas zu finden, das sie nie gesucht hat: eine verstörende Form von Zugehörigkeit.
Pilar Adón, eine vielfach ausgezeichnete Erzählerin, entfaltet hier eine leise, aber eindringliche Kunst des Erzählens. Im Zentrum steht Coro, eine Frau, die an einem Verlust trägt, der nicht vergeht, sondern in Wellen immer wieder in ihr aufsteigt. Der Erfolg, der sie einst getragen haben mag, ist ihr zur Last geworden. Ein Gewicht, das sie in einem Moment innerer Überforderung abstreift, fast wie in einer unbewussten Fluchtbewegung.
Und doch bleibt die Sehnsucht: nach dem alten Leben, das zugleich Quelle ihres Schmerzes ist. Ein Leben, das den Verlust nicht lindert, sondern schärfer konturiert.
Pilar Adóns Sprache trägt diese Ambivalenz mit großer Feinheit. Sie lässt Coro allmählich in die Landschaft einsinken, als würde ihr Inneres Wurzeln schlagen im Fremden. Der Text wirkt dabei wie ein schwebender Zustand. Als sei mit Coros Ankunft die Realität aus den Angeln gehoben worden. Was folgt, hat die Logik eines luziden Traums: klar und doch entrückt, ruhig und zugleich von einer unterschwelligen Bedrohung durchzogen. Gerade in dieser Spannung liegt die besondere Kraft der Erzählung. Eine melancholische Ruhe, die das Unheimliche nicht laut ausstellt, sondern es sanft, beinahe unmerklich in die Wahrnehmung einsickern lässt. Eine Sprache, die nicht erklärt, sondern umkreist; die nicht festhält, sondern verwandelt. Ausgesprochene Leseempfehlung!
Das Cover zeigt einen menschlichen Körper, der rücklings in die Tiefe eines Gewässers sinkt. Die Schrift ist in Schwarz, Gelb und Weiß gehalten.
- Von Vieh und Vögeln
- Pilar Adón
- Roman
- Wallstein Verlag
- ISBN: 978-3-8353-6022-8
- 234 Seiten
- Übersetzt von Susanne Lange
- Erschienen im Februar 2026
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