Die Washington Post urteilte über dieses Buch > Ein starkes Buch über die Demenz einer Mutter und die Liebe ihrer Tochter<. Demenziele Erkrankungen mit ihren facettenreichen Gesichtern begleiten mich nicht nur berufsbedingt. Für mich war sonnenklar, dieses Buch möchte ich unbedingt lesen.

In einer amerikanischen Badeanstalt ziehen die eingefleischten Schwimmer und Schwimmerinnen fleißig bis bemüht ihre Bahnen.

Wir leiden unter Rückenschmerzen, Senkfüßen, geplatzten Träumen, gebrochenen Herzen, Angstzuständen, Melancholie, Antriebsschwäche, den typischen oberirdischen Beschwerden.

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So die charmante Vorstellung. Die Besucher des Schwimmbades kommen aus den verschiedensten Bereichen, es sind Designer, Nonnen, Hundesitter, Veganerinnen, Polizisten, Professorinnen, Schauspieler…und Alice. Eine von uns.

Am Boden des Schwimmbeckens taucht ein Riss auf. Er wird untersucht, beredet und bringt die eingeschworene Schwimmgemeinde aus dem Rhythmus. Auch Alice kommt aus ihrem Rhythmus, doch sobald sie ins Wasser gleitet, weiß sie ganz genau was sie zu tun hat.

Sie hat vergessen, dass sie vor zwanzig Minuten mit dir zu Mittag gegessen hat, und schlägt vor, dass ihr euch bei Marie Callender´s Sandwiches und Kuchen gönnt. Sie hat vergessen…

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Als das Schwimmbad schließen muss, verschlechtert sich der Gesundheitszustand von Alice erheblich und ihre Tochter wird immer mehr in die Verantwortung gedrängt.

Dieses Buch hat mich von der ersten bis zur letzten Zeile berührt. Jedoch in ganz unterschiedlichen Phasen, denn der Stil von Julie Otsuka beinhaltet ein ganz besonderes Flair. Sie ist eine kuriose Beobachterin, die es vermag, den dramatischen Krankheitsverlauf mit schwarzem Humor zu würzen. Sie coloriert einzelne Protagonisten liebevoll im Detail.

Spannend fand ich wie es der Autorin gelang von dem Routinebetrieb eines Schwimmbades und seiner Besucher, den Riss im Beckenboden als Metapher für die fortschreitende Demenz von Alice zu wählen. Das ist gehobene Raffinesse.

Es ist aber auch die Geschichte einer Tochter und einer Mutter. Ein Verhältnis was lange Jahre von großer Distanz und mit deutlichen Rissen geprägt war und durch die Erkrankung der Mutter sich zusehends verändert.

Ein absoluter Lesehighlight für mich und wärmstens zu empfehlen.

Das Cover zeigt die Rückenansicht einer Frau im Badeanzug und Badekappe am Beckenrand sitzend.

  • Solange wir schwimmen
  • Julie Otsuka
  • Roman
  • Mare Verlag
  • ISBN: ISBN 9783866486911
  • 160 Seiten
  • Übersetzt von Katja Scholtz