
Ozzy, Oz genannt, ist anders. Nicht auf eine Weise, die sich leicht erklären ließe, sondern auf eine, die in Klassenzimmern aneckt und in Heften sichtbare Spuren hinterlässt. Die Welt verlangt von ihm Ordnung, während in ihm alles flimmert und springt. Diesmal jedoch ist es mehr als ein schiefer Blick, mehr als ein missglückter Tag: Etwas wirklich Dummes ist passiert. Auf dem Heimweg trägt er den Brief der Lehrerin bei sich wie ein kleines, schweres Geheimnis und wünscht sich, halb trotzig, halb verzweifelt, wenigstens eine kleine Katastrophe. Etwas, das groß genug wäre, um die drohende Enttäuschung seiner Mutter zu übertönen.
Doch als Oz die Tür öffnet, ist die Stimmung im Haus ohnehin gekippt. Ann, selbst von einer nervösen Unruhe durchzogen, die nie ganz zur Ruhe kommt, erwartet ihn nicht mit jener angespannten Feierlichkeit, die Zeugnisse manchmal begleiten. Stattdessen liegt etwas anderes in der Luft, etwas Unwirkliches, das den Raum enger macht: Die Zilly-Oma, die oben in den Bergen lebt, ist verschwunden.
„In Zäzilia ist immer so eine Unrast gewesen , die Unrast jener, die das richtige Leben am falschen Ort durchziehen, aber bei vollem Bewusstsein. Mit den Dichtern und der Liebe zu den Pflanzen hat sie das hinuntergedrückt. So hat sie durchziehen können, hierzubleiben, ist sie selbst geblieben.”
Mit feinem Gespür für Zwischentöne und erzählerischer Souveränität entfaltet dieses Buch seine Wirkung. Es ist leise und eindringlich zugleich. Es verzichtet auf vorschnelle moralische Urteile und nähert sich stattdessen seinen Figuren mit aufrichtiger Neugier: Menschen, die aus der Norm fallen, werden hier nicht erklärt, sondern erfahrbar gemacht.
„Oz schaut in sein Glas und trinkt und zupft sich am Rücken das Shirt von der Haut. Der Bub lebt ein Leben in Angst vor ihrem nächsten Gefühlsausbruch, denkt sie.”
Dabei trägt die Geschichte eine heitere Leichtigkeit in sich, die immer wieder aufblitzt, ohne je ins Belanglose zu kippen. Es ist ein Humor, der aus dem Leben selbst kommt. Warm, manchmal schräg und oft überraschend. So entsteht eine ganz besondere Geschichte, die mit einem beinahe schwerelosen Ernst erzählt ist: spielerisch im Ton, doch von stiller Tiefe durchzogen. Ausgesprochene Leseempfehlung!
- Sie wollen uns erzählen
- Birgit Birnbacher
- Roman
- Zsolnay
- ISBN: 9783552075214
- 224 Seiten
- Erschienen im März 2026
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