Dieser Debüt Roman von Zeruya Shalev wurde vor 30 Jahren veröffentlicht und ging mit Pauken und Trompeten unter, wie sie selbst es beschrieb. Nun wurde er neu übersetzt und lektoriert. Da ich bis dato noch keinen Roman der Autorin gelesen hatte ging ich völlig unbelastet ans Buch.

Eine junge Frau, die namenlose Ich-Erzählerin, verlässt für ihren Geliebten, ihren Mann und ihre kleine Tochter. Was für sie kurz wie ein Befreiungsakt wirkt gleitet in ein absolutes Fiasko. Die junge Frau erzählt in surrealer-grotesker Weise wie sich ihre Lebens -und Leidensgeschichte zugetragen hat. Im Land der Haare fallen ihr ebendiese gänzlich aus. In Israel oder besser gesagt im jüdischen Glauben sind die Haare der Frau etwas sehr Intimes. Nach der Heirat wird das Haar der Frau verhüllt oder mit einer Perücke bedeckt, denn diese Haare sind nur für den Ehemann bestimmt.

Die Frau gerät immer weiter in sprunghafte Wahnvorstellungen. Hat sie ihre Tochter wirklich verlassen oder wurde sie von den Soldaten geraubt? Und warum verwandelte sich der Vater der Ich-Erzählerin in eine Kuckucksuhr und schreit zur vollen Stunde: Alle werden sterben.

Erst nachdem das Mädchen verschwunden war, habe ich verstanden: Die Frage ist nicht, wer wen geboren hat, wer was gewusst oder wer wen beseitigt hat, sondern was meine Haare wirklich wollten.

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Die Autorin arbeitet im großen Stil mit Metaphern und Symbolik. So empfindet sie sich nach der Trennung als eine Distel. Die Distel steht für menschenfeindlich, furchterregend und chaotisch. Die Zeit mit ihrem Geliebten wertet sie als Zeit in einem Schrottmuseum, was ich als eine Assoziation für ein unsinniges Leben verstehen würde. Dies sind nur einige der zuhauf gebotenen, verschleierten Botschaften.

>Nur ich < gehört definitiv nicht zu den Romanen, die ich gerne gelesen habe. Dafür ist mir der sprachliche Stil zu hart, zu grob und ab und an vulgär. Diese fordernde Art und Weise wie die Autorin diese Ängste, Empfindungen, die Geschichte Israels, die Zerrissenheit ihrer Mutterschaft und Weiblichkeit exzessiv darstellt empfinde ich dennoch als sehr beachtlich. Denn der Text hat mich herausgefordert. Ich suchte nach den Bedeutungen ihrer verschlüsselten Ausdrucksweise und fügte Puzzlestein um Puzzlestein zusammen um eine ungefähre Intension der Story zu bekommen. Das mochte ich.

Das Cover zeigt ein schwarz-weiß Foto einer Frau die sitzend sich mit den Händen auf den Knien abstützt. Den Blick nach unten gerichtet.

  • Nicht ich
  • Zeruya Shalev
  • Roman
  • Berlin Verlag
  • ISBN:9783827014764
  • 207 Seiten
  • Übersetzt von Anne Birkenhauer
  • Erschienen 2024