
Bei jedem Spaziergang war er da, doch nie ganz an derselben Stelle.
Der Wind schien ihn immer wieder ein kleines Stück weiterzutragen,
Als würde er noch seinen Platz im Leben suchen. Ich kannte seine
Geschichte nicht. Ich wusste nicht, wem er gehörte und warum niemand
kam, um ihn zu holen. Er wurde mir vertraut. Eine stille Begegnung
auf meinen Wegen.
Eines Tages war er verschwunden.
Nur der Zaun war geblieben. Leer. Als hätte dort nie etwas gehangen.
Doch der Regenschirm hatte mir bei einem Spaziergang etwas hinterlassen.
Einen kleinen Ast, der eines Tages in seinem Inneren gesteckt hatte.
Ich nahm ihn mit. Seitdem steckt er aufrecht in der Erde in meinem Garten.
Ein unscheinbares Stück Holz. Für andere bedeutungslos. Für mich ein Zeichen.
Ist es mit uns Menschen nicht ähnlich? Wir kommen in das Leben anderer,
bleiben eine Weile, wandern vielleicht ein bisschen umher. Werden gesehen,
geliebt, begleitet oder vergessen. Und irgendwann gehen wir. Der Platz
an dem wir waren, bleibt leer. Doch vielleicht hinterlassen wir etwas, ohne es
selbst zu wissen. Eine Erinnerung. Ein Satz. Eine Berührung. Ein Lächeln.
Einen kleinen Ast, den jemand nimmt und behält.
Der Regenschirm ist längst fort. Doch wenn ich diesen kleinen Ast betrachte,
ist er für einen Augenblick wieder da.
Vielleicht ist unser stillstes Weiterleben, nicht darin, dass wir bleiben. Sondern
darin, dass etwas von uns in einem anderen Menschen weitergetragen wird.




#lebenssplitter #derregenschirm #miniaturenausdemleben #shortstory #kurzgeschichte #prosa #schreiben #kurztext #text #schreibimpuls #kürzestgeschichte #kreativschreiben #kurzprosa #shortshortstory #sabinepoulou
Schreibe einen Kommentar