
Ich sitze in einem unterirdischen Gefängnis, zusammen mit neununddreißig anderen Frauen. Was über uns geschieht, weiß ich nicht. Manchmal frage ich mich, ob dort oben überhaupt noch jemand lebt. Vielleicht wurde die Welt verlassen. Vielleicht hat ein Virus alles verwüstet. Vielleicht ist einfach nichts mehr übrig. Ich kann mich nicht erinnern, wie ich hierhergekommen bin. Keine von uns kann das. Unsere Erinnerungen sind brüchig, wie Träume, die beim Aufwachen zerfallen. Wir haben jedes Gefühl für Zeit verloren. Tage, Monate, vielleicht Jahre, alles ist zu einem endlosen Dämmerzustand verschwommen. Von meinem früheren Leben bleibt mir nur eine vage Ahnung, ein fernes Echo.
Sechs Männer bewachen uns. Sie tragen Uniformen und sprechen nie. Kein Wort, kein Name, keine Erklärung. Wenn sie kommen, ist es nur, um uns kurz zu berühren. Eine kalte, routinierte Kontrolle. Sie prüfen, ob wir noch leben. Ob keine von uns versucht hat, diesem Ort zu entkommen, indem sie sich selbst das Leben nimmt.
Eines Tages zerreißt plötzlich ein schriller Alarm die Stille. Der Ton hallt durch die Mauern, fremd und bedrohlich. Die Wachen verschwinden. Einfach so. Kein Blick zurück, keine Erklärung. Dann bemerke ich die Tür. Sie steht offen. Niemand rührt sich. Wir starren sie an, als könnte sie sich jeden Moment wieder schließen.
Schließlich bin ich es, die den ersten Schritt macht. ich bin die Vierzigste, diejenige, die nichts anderes kennt als dieses Gefängnis. Ich habe nie gelernt, was Fürsorge bedeutet. Niemand hat mich je in den Arm genommen, wenn die Angst zu groß wurde. Niemand hat mir eine Hand gereicht, um dich festzuhalten. Mein Körper kennt keine Wärme außer der eigenen. Keine tröstende Berührung, kein flüchtiges Streifen von Haut, das mehr bedeutet als Kontrolle. Die einzigen Hände, die mich je berühren, sind kalt und fremd. Hände, die prüfen, nicht fühlen. Hände, die sicherstellen, dass ich noch atme.
Für mich ist die Welt da draußen nur eine Vorstellung, ein Gerücht aus den bruchstückhaften Erinnerungen der anderen. Langsam überschreite ich die Schwelle. Doch draußen wartet nicht die Freiheit, von der wir geträumt haben. Stattdessen finde ich eine Welt, die mir fremd ist. Eine Welt, die niemand von uns wiedererkennt. Und während wir zögernd ins Licht treten, wird mir klar: Wenn wir hier überleben wollten, müssen wir lernen, uns gemeinsam in dieser neuen Wirklichkeit zurechtzufinden.
Es ist faszinierend, wie sich die Geschichte klaren Deutungen entzieht und seine Geheimnisse bewahrt. Wie die Frauen dorthin gelangt sind, weiß keine von ihnen genau; ihre Erinnerungen sind bruchstückhaft. Einige vermuten, dass sie zuvor unter Drogen gesetzt wurden, andere sprechen von einem Feuer. Gewissheit gibt es nicht. Die namenlose Ich-Erzählerin, scheint ihr Überleben lediglich einem Zufall zu verdanken, denn unter den Gefangenen gibt es niemanden in ihrem Alter. Sie ist die Einzige, die zu jung ist, um sich an die Welt vor dem Kerker zu erinnern, um zu wissen, wie Leben einst gewesen ist. Gerade darin liegt ihre Bedeutung für den Roman.
Im Mittelpunkt von „Ich, die ich Männer nicht kannte” stehen weibliche Identität, das Fehlen gesellschaftlicher Ordnung und grundlegende Fragen der Fragilität des Menschseins. Auf spektakuläre Handlung verzichtet der Roman weitgehend und konzentriert sich stattdessen auf psychologische Tiefe und die Erfahrung existenzieller Einsamkeit. Ausgesprochene Leseempfehlung!
Auf dem Cover tritt das halb im Schatten liegende Gesicht einer Frau aus einem dunklen Hintergrund hervor. Ein apricotfarbener Kreis setzt einen hellen Akzent und richtet den Blick auf die einsame Figur. Titel und Schrift erscheinen in Weiß und Apricot.
- Ich, die ich Männer nicht kannte
- Jacqueline Harpman
- Roman
- Klett-Cotta
- ISBN: 9783608966701
- 224 Seiten
- Übersetzung von Luca Homburg
- ET 14. März 2026
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