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Grüne Welle – Esther Schüttpelz

Nach dem Kinoabend mit der einzigen Freundin, die ihr geblieben ist, gleitet sie in ihr Auto, als würde sie in eine vertraute Hülle zurückkehren. Der Motor springt an, die Straßen liegen still und offen vor ihr. Doch eine Umleitung, unscheinbar und doch endgültig, lenkt sie aus der gewohnten Bahn. Aus Abweichung wird Entfernung, aus Entfernung eine Bewegung ohne Ziel. Ausfahrt um Ausfahrt lässt sie hinter sich, während das Zuhause, in dem ihr Mann auf sie wartet, mit jedem Kilometer unwirklicher erscheint. Die Nacht zieht sich in die Länge, dehnt sich aus über Tankstellenlichter und dunkle Landstraßen, bis sie unmerklich in den nächsten Tag übergeht. Was zunächst wie ein Verirren wirkt, nimmt allmählich die Gestalt einer Entscheidung an. Es ist, als folgte sie einem leisen, längst vergessenen Impuls, der sie fortzieht. Nicht nur von einem Ort, sondern von einem Leben.

Mit Mitte vierzig ist ihr Dasein zu einem Geflecht aus Routinen erstarrt, durchzogen von kleinen, ritualisierten Ausbrüchen wie dem monatlichen Kinobesuch. Doch diesmal bricht etwas auf. Die Straßen tragen sie weiter, fast widerstandslos, auf einer endlosen „grünen Welle“, durch Landschaften, die zugleich fremd und seltsam vertraut wirken. Und während sie fährt, verschiebt sich die Zeit: Die Gegenwart verliert an Gewicht, und Erinnerungen drängen sich in den Vordergrund. Leise, beharrlich und unausweichlich. Die Fahrt wird zur Flucht und zugleich zur Konfrontation, ein Übergang zwischen dem, was war, und dem, was noch sein könnte.

Und je weiter sie sich entfernt, desto klarer wird: Vielleicht ist es nicht die Dunkelheit draußen, die sie fürchten muss. Vielleicht liegt das Unheimliche dort, wo sie herkommt.

Der Roman verweigert sich eindeutigen Antworten, hält vieles bewusst in der Schwebe und genau darin liegt seine eigentümliche Anziehungskraft. Was er preisgibt, sind nur Splitter: Andeutungen, Bruchstücke eines Lebens, die sich nie ganz zu einem klaren Bild fügen. Wir erfahren, dass die Frau Künstlerin ist. Doch in ihrer Ehe hat sich ein Ungleichgewicht eingeschlichen, das längst zur stillen Ordnung geworden ist: Ihr Mann hat die Deutungshoheit übernommen, bestimmt die Regeln, die Grenzen, die Bewegungsräume. Die Konsequenzen davon bleiben oft unausgesprochen, zeigen sich eher in Leerstellen, in dem, was nicht mehr geschieht, nicht mehr gedacht, nicht mehr gewagt wird und an ihren blauen Flecken.

Und dann ist da die Freundin, die einzige Konstante außerhalb dieses Gefüges. Ihre Begegnungen beschränken sich auf vereinzelte Kinoabende, die mit der Zeit immer seltener werden, als würden auch sie langsam ausdünnen, sich auflösen im Alltag. Diese Treffen tragen etwas Fragiles in sich, ein leises Festhalten an einer Verbindung, die vielleicht schon dabei ist, zu verblassen. So entsteht ein Geflecht aus Andeutungen und Zwischenräumen, in dem das Ungesagte lauter spricht als jedes klare Wort.

Ausgesprochene Leseempfehlung für diesen originellen Roman!

Das Cover zeigt das Profil einer dunkelhaarigen Frau, verborgen hinter einer Sonnenbrille. Es wirkt wie ein flüchtiger Blick, eingefangen im Vorüberfahren. Als hätte man sie nur für einen Augenblick aus einem vorbeiziehenden Auto heraus gesehen. Die Typografie bleibt zurückhaltend: schwarze Schrift auf weißem Grund.

  • Grüne Welle 
  • Esther Schüttpelz
  • Roman
  • Diogenes Verlag
  • ISBN: 9783257073812
  • 208 Seiten
  • Erschienen im Februar 2026

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