
Georg liegt im Sterben. Das ist ein Zustand, der sich quälend, über acht Jahre, in die Länge zieht. Während Ruth ihren Mann hingebungsvoll zu Hause versorgt und sich dabei selbst völlig aus den Augen verliert, entfernt sie sich zunehmend von ihrer fünfzehnjährigen Tochter Lea. Diese sehnt sich nach einem Leben, das leicht ist, nach Alltag, nach Unbeschwertheit und all dem, was ihrem Alter eigentlich zusteht.
Mutter und Tochter sind aufeinander angewiesen, doch mit jedem Tag wächst die Distanz zwischen ihnen. Und dann geschieht etwas mit Georg, etwas völlig Unerwartetes, das alles verändert. Und dieses Unerwartete, dieser Bruch ist auf den ersten Blick verstörend. Er lässt innehalten und entzieht sich zunächst jeder klaren Deutung. Doch dann wird sukzessive klar, weshalb Nefeli Kavouras dieses Stilmittel platziert hat. In welchem Maß formen Erwartungen und tief verankerte gesellschaftliche Muster unseren Blick auf das Sterben? Und mehr noch, was bleibt vom Menschen in jenem schwebenden Zustand, in dem er nicht mehr ganz da ist und doch noch nicht gegangen?
„Ich schaue aus dem Fenster, sehe Menschen Rad fahren, und mir wird bewusst, von was sich Georg alles verabschiedet. Er wird nie mehr im Park spazieren, im Restaurant sitzen, eine Zeitung zuklappen, nach der Fernbedienung greifen, Salz im Streuer nachfüllen, nicht mehr seine geliebte Gerichte kochen, mir ein frohes neues Jahr wünschen…”
In „Gelb, auch ein schöner Gedanke“ entwirft Nefeli Kavouras ein eindringliches Panorama des Abschieds. Leise, unaufhaltsam und von einer Schwere, die sich nicht abschütteln lässt. Im Zentrum steht Georg, dessen Weg sich dem Ende zuneigt, begleitet von Ruth und Lea, die nicht nur Zeuginnen seines Sterbens werden, sondern selbst in einen Prozess des inneren Verschwindens geraten. Der Roman richtet seinen Blick dorthin, wo Worte oft versagen: auf die, die bleiben und tragen. Mit ungeschönter Klarheit beschreibt Kavouras die Wirklichkeit pflegender Angehöriger. Ihre Müdigkeit, die sich wie ein feiner Staub über jeden Tag legt, ihre Überforderung, die selten laut wird, und die leise, fast unmerkliche Selbstaufgabe, die sich in den Zwischenräumen des Alltags vollzieht. Pflege erscheint hier nicht als heroische Geste, sondern als ein Zustand des Ausharrens, ein Ringen um Nähe und Distanz zugleich.
Es ist das langsame Verblassen eines Menschen, das der Roman nachzeichnet und mit ihm die Ohnmacht derer, die begleiten. Am Ende bleibt oft nur der Versuch, Schmerz zu mildern, wo Heilung längst keine Möglichkeit mehr ist. In dieser Reduktion auf das Nötigste stellt sich unausweichlich die Frage nach der Würde: Wo findet sie ihren Ort, wenn Körper und Kräfte schwinden, wenn Worte versiegen und die Beziehung sich verändert? Kavouras antwortet nicht mit Gewissheiten. Stattdessen öffnet sie einen Raum, in dem das Aushalten selbst zur Sprache wird und das Gesehenwerden vielleicht der erste Schritt ist, um jene Stimmen hörbar zu machen, die im Alltag allzu oft überhört werden. Ausgesprochene Leseepfehlung!
Das Cover zeigt keinen vollständigen Blick, sondern nur einen Ausschnitt: den Körper eines Pferdes, fragmentarisch erfasst, in gedeckten Grau- und Gelbtönen gehalten. Darüber legen sich die Schriftzüge in einem Kontrast aus leuchtendem Gelb, zartem Hellblau und klarem Weiß.
- Gelb, auch ein schöner Gedanke
- Nefeli Kavouras
- Roman
- Kiepenheuer & Witsch
- ISBN: 9783462008708
- 240 Seiten
- Erschienen im Februar 2026
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