
Theo Engel arbeitet dort, wo andere sich abwenden: in den Niederlanden, an der Schwelle zwischen Leben und Tod, als Sterbehilfearzt. Fast jede Woche setzt er die Spritze, die beendet, was für seine Patienten längst unerträglich geworden ist. Doch jeder dieser Abschiede bleibt in ihm zurück. Die Nächte werden schwerer, die Tage stumpfer, und langsam frisst sich eine Müdigkeit in sein Inneres, die mehr ist als bloße Erschöpfung.
Dann erreicht ihn ein Brief. Kein Hilferuf aus Verzweiflung, kein medizinischer Befund, kein drohender Verfall. Sondern die ruhige Bitte eines gesunden Mannes Anfang siebzig, der sein Leben für vollendet hält. Gerrit Blauw möchte sterben nicht, weil er muss, sondern weil er meint, alles Wesentliche gelebt zu haben.
Um Theo von seinem Wunsch zu überzeugen, beginnt Gerrit zu erzählen. Von seiner Jugend in Friesland, von einer Sommernacht und einem Mädchen namens Saartje, in die er sich auf der Stelle verliebte. Obwohl sie sich für seinen Freund Douwe entschied, blieb sie das leise Zentrum seines Lebens, auch später, als Gerrit zum Studium nach Groningen ging. Er erzählt von seiner Arbeit fürs Theater, von Kulissen, Licht und Sehnsucht und davon, wie er Jahrzehnte später, nur um Saartjes Aufmerksamkeit ein letztes Mal zu gewinnen, eine Giraffe auf eine Nordseeinsel verschiffen ließ.
Während Gerrit spricht, beginnt etwas in Theo zu verrutschen. Zum ersten Mal fragt er sich, ob es nicht nur ein Recht auf einen guten Tod gibt, sondern vielleicht auch auf einen schönen.
In poetischen und feinfühligen Bildern entwirft Joost Oomen die Geschichte eines Mannes, der seinem Leben einen stillen, würdevollen Schlussakkord geben möchte, und eines anderen, der Tag für Tag gezwungen ist, dem ungeschönten Antlitz des Todes standzuhalten. Zwischen beiden entfaltet sich eine leise, eindringliche Annäherung an die großen Fragen unserer Existenz: Was verleiht unserem Leben Gewicht und Glanz? Und wie finden wir einen Abschied, der uns gerecht wird?
Dieser Roman verdichtete sich Schritt für Schritt zu einer Sogwirkung, der ich mich weder entziehen konnte noch wollte. Zwei Männer begegnen einander: der eine entschlossen zu sterben, der andere befugt, diesen letzten Schritt zu begleiten. In ihrer Annäherung öffnen sich Räume existenzieller Tiefe, in denen Leben und Tod nicht abstrakt verhandelt, sondern mit schmerzhafter Klarheit, Zärtlichkeit und philosophischer Wucht durchdrungen werden. Ausgesprochene Leseempfehlung!
Das Cover zeigt eine Illustration mit Blick durch eine offene Tür auf das Ufer eines Gewässers. Die Schriftgestaltung erfolgt in Blau-, Grün- und Weißtönen.
- Ein volles Leben
- Joost Oomen
- Roman
- Arche Verlag
- ISBN: 9783716000403
- 191 Seiten
- Übersetzung Lisa Mensing
- Erschienen am 11. Februar 2026
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