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Die Lücken ~ Shida Bazyar

Heimesbach im Hunsrück ist ein fiktiver Ort und doch wirkt er erschreckend wirklich. In seinen Häusern, Familiengeschichten und verschwiegenen Winkeln haben sich neunzig Jahre deutscher Geschichte festgesetzt. Hier wird Vergangenheit nicht aufgearbeitet, sondern verdrängt, umgedeutet, zum Schweigen gebracht. Und gerade dadurch bleibt sie allgegenwärtig.

Doch mit einem Mal schweigt das Orchester des Windes, die Wolken halten in der Bewegung inne, der kleine Flecken Erde lässt panisch alles auf sich grünen und wachsen, die Diktatur der Gräser hält Einzug.

Seite 199

Shida Bazyar erzählt von Menschen, die dieses Dorf geprägt haben: von jüdischen Familien, denen alles genommen wurde, von NS-Profiteuren, die sich nach dem Krieg zu harmlosen Mitläufern erklärten, und von denen, die sich ihre eigene Vergangenheit zurechtlegten, um in der neuen Zeit bestehen zu können. Jahrzehnte später kommen mit den Familien Sharifi und Karimpour Menschen aus dem Iran nach Heimesbach. Auf der Suche nach Schutz, Sicherheit und einem Ort, den sie Heimat nennen können.

So entfaltet sich ein vielstimmiges Erzählmosaik, in dem persönliche Schicksale und die großen Brüche der deutschen Geschichte untrennbar miteinander verwoben sind. Bazyar zeigt, wie tief Verdrängtes in Biografien und Gemeinschaften weiterwirkt und wie trügerisch der Glaube an einen unbelasteten Neubeginn sein kann. Gerade darin liegt die Kraft dieses Romans: Heimesbach wird zum Spiegel einer Gesellschaft, die ihre Vergangenheit lieber ruhen lassen möchte, während die Vergangenheit längst nicht bereit ist, zu schweigen. Ein kluger, eindringlicher und bewegender Roman über Schuld und Erinnerung, Flucht und Zugehörigkeit und über den zutiefst menschlichen Wunsch, irgendwo endlich anzukommen.

Mich überzeugte, dass der Roman auf jede vordergründige Empörung verzichtet und gerade dadurch umso stärker wirkt. Bazyar legt die Leerstellen offen, die deutsche Dörfer nur allzu gern in ihren Chroniken zurücklassen. Sie erklärt das Grauen nicht. Sie lässt es sichtbar werden. Und genau das macht diesen Roman so eindringlich: Was verschwiegen wird, ist nicht verschwunden. Ich werde diesem großartigen, sprachlich so eleganten Werk kaum gerecht, denn vieles von dem, was es auslöst, lässt sich nur schwer in Worte fassen. Der Roman entwickelt einen unwiderstehlichen Sog, dem ich mich immer weiter überlassen wollte und dem zu entziehen ich ohnehin nicht den Wunsch verspürte. Ausgesprochene Leseempfehlung!

Das Cover zeigt auf weißem Grund den schwarzen Guss einer kleinen Ortschaft: Vier Häuser, eine Kirche, ein Brunnen, ein Auto und einige Figuren fügen sich zu einer reduzierten, beinahe modellhaften Szenerie zusammen. Die Schriften sind in schwarz gehalten.

  • Die Lücken
  • Shida Bazyar
  • Roman
  • Kiepenheuer & Witsch
  • ISBN: 9783462005011
  • 512 Seiten
  • ET 3. September 2026
  • Auf der Shortlist – Deutscher Buchpreis 2026

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