
Im abgelegenen piemontesischen Bergdorf Sassaia, das nur über eine steile, von hohen Buchen gesäumte Schotterstraße erreichbar ist, taucht eines Tages Emilia auf. Mit ihren roten, krausen Haaren, den violetten Springerstiefeln und der neongrünen Jacke wirkt die Dreißigjährige wie eine ewige Rebellin. Ihr Nachbar Bruno beobachtet ihre Ankunft zunächst mit Misstrauen. Was sucht diese ungewöhnliche Frau an einem Ort, der so weit entfernt vom Rest der Welt liegt?
Als die beiden einander näherkommen, erkennen sie in ihrer gegenseitigen Einsamkeit etwas Vertrautes. Beide tragen eine dunkle Vergangenheit mit sich, doch während Bruno selbst zum Opfer des Bösen wurde, hat Emilia es anderen angetan. Für ihre Tat hat sie viele Jahre im Gefängnis verbüßt, doch manche Schuld lässt sich nicht einfach begleichen oder ungeschehen machen. Für beide wird Sassaia zu einem Zufluchtsort, an dem sie hoffen, ihrer Vergangenheit und einer Zukunft entkommen zu können, an die sie längst nicht mehr glauben. Doch die Zeit lässt sich nicht anhalten, und das Leben folgt seinen eigenen Gesetzen. Auf eindringliche Weise erzählt die Geschichte von Schuld und Unschuld, von Tätern und Opfern und von der Zerbrechlichkeit des menschlichen Daseins. Sie zeigt, dass wir trotz allem, was wir erlebt oder getan haben, vor allem eines bleiben: Menschen – fehlbar, verletzlich und unendlich komplex.
Silvia Avallone begegnet ihren Figuren mit großer Empathie und einem feinen Gespür für die vielen Facetten des Menschseins. Sie zeichnet ihre Charaktere ungeschönt, voller Widersprüche und mit einer beeindruckenden Wirklichkeitsnähe. Nichts wird beschönigt, nichts vorschnell verurteilt. Gerade darin liegt für mich die besondere Stärke dieses Romans: Er lässt seine Figuren sein, wie sie sind. Verletzlich, fehlbar und zutiefst menschlich.
Auch wenn mir die Kapitel über das Gefängnisleben stellenweise etwas zu lang geraten sind, was letztlich meinem persönlichen Empfinden geschuldet ist, hat mich die Geschichte berührt. Ich bin Emilia und Bruno, diesen beiden einsamen Außenseitern, gerne gefolgt. Zwei Menschen, gezeichnet von ihrer Vergangenheit, die auf ganz unterschiedliche Weise mit Schuld, Schmerz und ihren inneren Abgründen ringen. Ihre Begegnung erzählt leise und eindringlich davon, wie schwer es sein kann, mit dem eigenen Leben Frieden zu schließen und wie viel Menschlichkeit selbst dort noch zu finden ist, wo man sie vielleicht am wenigsten vermutet. Ausgesprochene Leseempfehlung!
Das Cover zeigt eine junge Frau in grüner, hochgeschlossener Kleidung. Der obere Teil ihres Gesichts ist ab der Nase aufwärts von einer schwarzen Fläche verdeckt. Die Schrift in Gold und Weiß setzt Akzente und bildet einen Kontrast zum dunklen Bildmotiv.
- Die dunkle Liebe der Emilia I.
- Silvia Avallone
- Roman
- Secession
- ISBN 978-3-96639-153-5
- Aus dem italienischen übersetzt von Birgit Ulmer
- 400 Seiten
- Erschienen im August 2026
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