
Was als gewöhnliche Schulstunde beginnt, entwickelt sich in eine von Schikanen geprägte Altgriechischstunde am Münchner Wittelsbacher-Gymnasium im Jahr 1928. Mit dem unerwarteten Auftreten des strengen Oberstudiendirektors Himmler, des Vaters des späteren NS-Verbrechers Heinrich Himmler, verwandelt sich der Unterricht in eine Machtdemonstration. Unter dem Vorwand schulischer Disziplin nutzt der Direktor seine Autorität, um Angst zu verbreiten und die Schüler zu erniedrigen. Besonders der freiheitsliebende und aufmüpfige Franz Kien (das literarische Alter Ego des Autors) gerät ins Visier des autoritären Tyrannen und wird zum Opfer gezielter Demütigungen.
In eindringlicher Sprache richtet Andersch den Blick nicht auf den berüchtigten Massenmörder, sondern auf dessen Vater und damit auf die Ursprünge von Gewalt, Autoritätsdenken und Menschenverachtung. Andersch legt nahe, dass die spätere Grausamkeit Heinrich Himmlers nicht im luftleeren Raum entstand, sondern in einem Erziehungsstil, der von Unterwerfung, Härte und blinder Disziplin geprägt war. So erweist sich der schmale Roman, dieses Kammerstück, als weit mehr als eine autobiografisch inspirierte Erinnerung: Er ist eine eindringliche Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen und pädagogischen Wurzeln totalitären Denkens.
Der Vater eines Mörders ist keine Lektüre, die mich unberührt entlassen hat. Andersch erinnert eindringlich daran, dass Geschichte nicht plötzlich über eine Gesellschaft hereinbricht, sondern lange zuvor im Kleinen beginnt: in Klassenzimmern, in Akten der Demütigung, im Einüben von Gehorsam und in der Gewöhnung an autoritäre Strukturen. Gerade diese Erkenntnis verleiht der Erzählung ihre bedrückende Aktualität und zeitlose Relevanz. Ausgesprochene Leseempfehlung!
Vor einem grünen Hintergrund ist der Abdruck einer Schreibfeder zu sehen, während Titel und Schriftzüge in Silber gehalten sind.
- Der Vater eines Mörders
- Alfred Andersch
- Eine Schulgeschichte
- Diogenes Verlag
- ISBN: 9783257073614
- Mit einem Vorwort von Nora Bossong
- Erschienen 2026
- Die Erstausgabe erschien 1980
Schreibe einen Kommentar