Nachdem ich nun über Monate immer wieder Bücher über Frauen im Spätherbst ihres Lebens gelesen hatte, interessierte mich der neue Roman von Bernhard Schlink.

Der 76 -jährige Martin erfährt von seinem Arzt, dass er an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt ist und nur noch wenige Monate zu leben hat. Martins Frau Ulla ist 30 Jahre jünger als er und der gemeinsame Sohn David, ist 6 Jahre alt. Nun, Martin weiß er muss mit offenen Karten spielen, um die wenige Zeit die der kleinen Familie noch gemeinsam bleibt, intensiv zu erleben. So informiert er seine Frau und seinen Sohn, was auf alle zukommen wird.

Da Martin berentet ist kümmert er sich um David. Immer wieder, wenn er seinen Sohn vom Kindergarten abholt, beschleicht ihn die Angst, David könnte bemerken, dass er deutlich älter ist als die anderen Väter. Doch jetzt hat sich seine Aufmerksamkeit gewandelt. Was kann er seinem Sohn fürs Leben und zur Erinnerung mitgeben. In Etappen schreibt er David einen Brief. Er schreibt über Empfindungen, über Ahnen, Erbstücke, die Liebe und vieles andere. Immer im Zweifel ob dieses Mittel der Hinterlassenschaft richtig gwählt ist.

Liebe ist nicht gerecht. Du kannst ein noch so guter Mensch sein, Du kannst zu der, die Du liebst, noch so gut passen, Du kannst noch so achtsam und einfallsreich um sie werben, Euer gemeinsames Leben könnte noch so schön werden – sie kann trotzdem den anderen wollen, der sie nur mäßig liebt und schäbig behandelt.

Seite 68

So, jetzt muss ich leider spoilern, um aufzuzeigen was ich zu klischeehaft und mit Hang zum Kitsch empfand. Ulla betrügt ihren Mann und er versucht herauszubekommen mit wem und beobachtet sie. Zu Hause ist Ulla wie immer bzw. sehr bemüht um Martin. Die beiden verbringen eine intensive Zeit.

Ich finde da hat Bernhard Schlink einen Weg gewählt, der für meine Verhältnisse übergriffig wirkt. Er mischt sich in die Zukunft seiner Familie ein. Für einen älteren zum Tode geweihten Herren, vielleicht ok. Ich habe damit gehadert.

Martin wird immer schwächer und sein Fokus kleiner.

Nur die Welt kam ihm abhanden. Was in ihr geschah, hatte ihn immer interessiert. Dass immer öfter und immer lauter Alarm geschlagen wurde, dass es um die Bedrohung durch Klima, Kriege oder Pandemien ein immer größeres Getöse gab…

Seite 198

Trotz des Kritikpunktes hat mir der philosophische Ansatz des Buches gut gefallen. Denn das Leben steckt nun Mal voller Überraschungen. Die Phase eines nahen Todes ist individuell zu betrachten. Die Sorgen, Nöte und Gedanken von Martin waren bewegend und regten zu Reflexionen an. Es ist kein rührseliges Buch, denn der Stil von Bernhard Schlink ist nüchtern.

Das Cover zeigt zwei leere Liegestühle an einem Pool. Im Hintergrund ein gelbes Feld und grüne Bäume.

  • Das späte Leben
  • Bernhard Schlink
  • Roman
  • Diogenes Verlag
  • ISBN: 9783257072716
  • 239 Seiten
  • Erschienen im Dezember 2023