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Das Lied von Storch und Dromedar ~ Anjet Daanje

Als der Roman im Jahr 1847 im windgepeitschten Yorkshire seinen Anfang nimmt, ist Eliza May Drayden längst eine Tote und doch wirkt ihre Gegenwart unheimlich fort. Ihre Kindheit verbrachte sie mit ihren Schwestern abgeschieden in einem einsamen Pfarrhaus im Dorf Bridge Fowling, einem Ort, an dem die Welt sich zu verlieren schien. Dort, im Schatten eines unerbittlichen Sterbens, das nach und nach ihre Familie auslöschte, flüchtete Eliza in die grenzenlosen Räume ihrer Imagination.

Aus dieser inneren Zuflucht ging Haegar Mass hervor, ein Werk, das gleichermaßen verstört wie fesselt. Die Zeitgenossen taten es als bloße Sensationslust ab, doch spätere Generationen erhoben es in den Rang eines Meisterwerks. Mit den Jahren wuchs nicht nur der Ruhm der Autorin, sondern auch das Geheimnis, das sie umgab. Denn eines Tages offenbarte sich eine verstörende Wahrheit: Der Sarg, zu dem Jahr für Jahr Pilger der Literatur strömten, war leer. Über Elizas Leben ist nur wenig Gewisses überliefert. Ihr Tod liegt im Halbdunkel widersprüchlicher Berichte, und neben ihrem Roman hinterließ sie kaum mehr als ein rätselhaftes Notizbuch, angefüllt mit fremdartigen Zeichnungen, fragmentarischen Gedichten und Tabellen, deren Sinn sich entzieht. So nähert man sich Eliza May Drayden nur indirekt: durch die Stimmen jener, die mit ihr verbunden waren, durch bruchstückhafte Biografien und vergilbte Zeitungsartikel, die alle dasselbe Ziel verfolgen, das Dunkel um ihr Leben zu erhellen, und dabei doch stets neue Schatten werfen.

Dieser Roman entfaltet sich als vielstimmiges Geflecht von Perspektiven, getragen von einer Erzählarchitektur, die unverkennbar an Emily Brontës doppeltes Erzählen in „Sturmhöhe“ erinnert. In dieser kunstvollen Spiegelung der Stimmen entsteht ein Text, der sich nicht linear erschließt, sondern wie ein fein gearbeitetes Puzzle nach und nach zusammensetzt. Daanjes Erzählweise verbindet dabei spielerische Postmoderne mit der anmutigen Strenge des englischen Gesellschaftsromans: ein Wechselspiel aus Fragment und Form, aus Irritation und Eleganz, das den Leser zugleich herausfordert und verführt.

Das Lied von Storch und Dromedar versammelt eine Vielzahl ungewöhnlicher Liebesgeschichten. Jede auf ihre Weise besonders und berührend. Doch eine von ihnen ragt heraus: von solcher Unwahrscheinlichkeit, solcher Anmut und zugleich von einer erschütternden Dramatik, dass sie sich unauslöschlich ins Gedächtnis einprägt und lange nachhallt. Ein unglaubliches Werk! Ein Lesehighlight!

Das Cover zeigt ein Gemälde einer Moorlandschaft, gehalten in verschiedenen Grau- und Brauntönen. Am Himmel sind einige fliegende Vögel zu sehen. Die Schrift ist in Weiß gestaltet.

  • Das Lied von Storch und Dromedar
  • Anjet Daanje
  • Roman
  • Matthes & Seitz
  • Friedenauer Presse
  • ISBN: 9783751806411
  • Übersetzt von Ulrich Faure
  • 976 Seiten
  • Erschienen 2025

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