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Bambino ~ Marco Balzano

Triest, 1920.
Die Stadt atmet Salz und Misstrauen, und in ihren Gassen hallen neue Parolen wider. Mattia marschiert mit. Er ist einer von den Ersten, einer, der glaubt, Geschichte ließe sich mit der Faust beschleunigen. Sein Gesicht ist noch glatt wie das eines Knaben, kein Schatten von Bart darauf, und deshalb nennen sie ihn Bambino. Doch seine Jugend täuscht. Wenn er zuschlägt, tut er es mit einer Härte, die mehr beweisen will, als Muskeln je könnten. Bald spricht man seinen Namen nur noch leise aus.

Er kennt seine Mutter nicht. Sie ist ein Schweigen in seinem Leben, eine Lücke, die größer wird, je lauter er „Vaterland“ ruft. Manchmal flüstert es in ihm: War sie eine von drüben, eine Slowenin vielleicht? Eine von jenseits der Grenze, die hier in Triest nicht nur auf Landkarten verläuft, sondern durch Herzen? Sein Vater, der Uhrmacher mit den ruhigen Händen und dem unbeugsamen Blick, verweigert jede Antwort. Zwischen Zahnrädern und Pendeln misst er die Zeit, während sein Sohn glaubt, sie anhalten oder vorantreiben zu können. Der Vater ist Antifaschist, aus Überzeugung und aus Trotz und zwischen ihnen tickt es lauter als jede Standuhr.

Dann kommt der Krieg, erst als fernes Grollen, dann als Schlamm, Rauch und zerfetzte Gewissheiten. Die Straßen, die einst Marschtritt kannten, versinken im Dreck. Kameraden fallen, Parolen verlieren ihren Glanz, und die Fahnen, unter denen man sich unbesiegbar wähnte, hängen schwer und schmutzig im Regen.

Mattia lernt, dass Macht ein flüchtiger Besitz ist. Dass der Jubel von heute morgen schon verstummt sein kann. Dass Sieger und Verlierer keine festen Rollen tragen, sondern Masken, die der Wind der Geschichte beliebig vertauscht. Und im Morast des Krieges beginnt er zu begreifen, dass die größte Niederlage nicht auf dem Schlachtfeld geschieht, sondern dort, wo ein Mensch sich selbst verliert.

„Aber ich blieb. Nicht aus Ehrgefühl oder Respekt vor dem Faschismus: Für Tonetti, Barbetta und all den anderen aus der Casa des Fascio empfand ich nur noch Hass, genauso wie ich die Generäle des Duce hasste, und den Duce selbst am allermeisten. Erst hatte er mir weisgemacht, Faschist zu sein bedeutete, zu herrschen und ein schönes Leben zu führen, und jetzt schickte er mich wie ein Maultier in den Tod…..”

Die Geschichte entfaltet sich aus Mattias’ eigener Stimme. Nicht aus der Distanz eines Richters, sondern aus dem Innern eines Täters. Er erzählt, als spräche er zu sich selbst, ohne Absolution zu suchen, ohne Reue zur Schau zu stellen. Gerade diese Nähe irritiert: Man hört seine Rechtfertigungen, seine Verblendungen, seine blinden Flecken. Das Böse tritt nicht als Fratze auf, sondern mit Atem, Puls und Erinnerung. Balzano verleiht dieser Stimme Raum, ohne sie zu kommentieren oder moralisch einzuhegen. Er enthält sich des Urteils, überlässt es den Lesenden, zwischen den Zeilen zu hören, was Mattia nicht sagt oder nicht sagen kann. Darin liegt für mich die verstörende Kraft des Romans: Er zwingt dazu, einem Bewusstsein zu folgen, das sich selbst nicht durchschaut.

Die Gewalt endet nicht mit dem Zusammenbruch des Regimes. Auch die Racheakte der Partisanen nach dem Zweiten Weltkrieg finden ihren Platz in dieser Erzählung. Ein heftiges, düsteres Echo auf das Vorangegangene. So entsteht ein Roman von großer Wucht, der zeigt, wie dünn die Linie zwischen Täter und Opfer, zwischen Triumph und Vergeltung sein kann. Ausgesprochene Leseempfehlung!

Das Cover ziert ein Gemälde von Konstantin Andrejewitsch Somow: das Porträt seines Neffen, datiert auf 1925. Im Zentrum steht ein junger Mann mit dunklem, lockigem Haar. Sein Blick ist ruhig, beinahe nach innen gekehrt. Er trägt ein schlichtes weißes Hemd, dessen Helligkeit sich klar vom satten Grün des Hintergrunds abhebt. Sämtliche Schriftzüge sind in Schwarz gesetzt.

  • Bambino
  • Marco Balzano
  • Roman
  • Diogenes Verlag
  • ISBN: 9783257073522
  • 246 Seiten
  • Übersetzung Peter Klöss
  • Erschienen im Januar 2026

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