
Gegen Ende der Achtzigerjahre stürzt in einem italienischen Küstenort ein Friedhof ins Meer. Als eine Urne an den Strand gespült wird, kommt ein lang gehütetes Familiengeheimnis ans Licht: Der fünfundzwanzigjährige Pinò erfährt, dass sein Vater bereits einen anderen Sohn hatte. Die Erkenntnis, möglicherweise nur als Ersatz für den Erstgeborenen gedacht gewesen zu sein, lässt ihn an seiner Herkunft zweifeln und treibt ihn dazu, die Vergangenheit seines Vaters zu erforschen. Dabei droht jedoch auch sein eigenes Geheimnis ans Licht zu kommen. Denn Pinò ist kein gewöhnlicher junger Mann. Ihm fehlt der Bauchnabel, seine Stimme hallt nicht wider und sein Atem hinterlässt selbst bei Kälte keine sichtbare Spur. Was ihn von anderen Menschen unterscheidet, verweist auf eine Vergangenheit, die weit über das Menschliche hinausgeht.
In Aus anderem Holz erzählt Giuliano Musio den Pinocchio-Stoff auf ungewöhnliche Weise neu. Aus der Holzpuppe ist ein junger Mann geworden, der zwar unter Menschen lebt, dem das Menschsein jedoch fremd geblieben ist. Mit einer rätselhaften Ausgangssituation verbindet der Roman die Fragen nach Herkunft, Identität und familiärer Prägung mit der Suche nach Selbstbestimmung. So entsteht eine vielschichtige Geschichte über das Bedürfnis, dazuzugehören, und den Wunsch, sich von den Erwartungen anderer zu lösen.
Mir gefiel, wie spannend Giuliano Musio diese Geschichte erzählte. Der auf angenehm altmodische, stellenweise beinahe hölzern anmutende Ton verlieh dem Roman einen ganz eigenen Charme und passte wunderbar zur neu interpretierten Pinocchio-Geschichte. Rund um Pinò und Giuseppe entspann sich ein Netz aus Geheimnissen, das mich neugierig machte und die Handlung immer wieder in neue Richtungen lenkte. Das Gefühl, anders zu sein als alle anderen, wurde bei Pino auf schmerzhafte Weise spürbar. Dieses tief sitzende Empfinden, nicht richtig zu sein, nicht dazuzugehören und irgendwie falsch zu sein, löste einen enormen inneren Druck und einen kaum auszuhaltenden psychischen Stress aus. Der Autor vermochte es, diese quälende Zerrissenheit und die emotionale Belastung so eindringlich und atmosphärisch zu vermitteln, dass Pinos innere Not für mich beinahe greifbar wurde. Besonders gelungen fand ich auch, wie lebendig Musio das italienische Dorfleben der Achtzigerjahre einfing und damit eine ganz eigene Atmosphäre schuf. Ausgesprochene Leseempfehlung!
Das Cover zeigt einen klassischen Radiergummi in Braun und Blau, der von einem weißen Streifen durchzogen wird. Titel, Autorenname und Genre sind in dunkelblauer Schrift darauf platziert. Der cremefarbene Hintergrund bildet einen Kontrast dazu, während der Verlagsname in Grau gehalten ist.
- Aus anderem Holz
- Giuliano Musio
- Roman
- Luftschacht
- ISBN: 9783903422797
- 277 Seiten
- Auf der Longlist – Deutscher Buchpreis 2026
- 1. Auflage erschienen am 15. August 2026
- 2. Auflage erschienen am 09. September 2026
- 3. Auflage erschienen am 05. Oktober 2026
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