Press ESC to close

Abschied leben ~ Gabriele von Arnim

Unser ganzes Leben ist durchzogen mit den verschiedensten Abschieden. Wir verabschieden uns ständig. Leise und laut. An Türen, die ins Schloss fallen, auf Bahnsteigen, wenn der Zug sich in Bewegung setzt, in Gedanken, die wir nicht mehr zu Ende denken. Wir lassen Menschen zurück, die gehen, die bleiben müssen, die sterben. Geliebte lösen sich aus unserem Leben, Kinder wachsen aus unseren Armen hinaus. Trennen, loslassen, abkoppeln.

Doch nicht nur das Sichtbare vergeht. Auch Überzeugungen bröckeln. Sicherheiten, die einmal unverrückbar schienen, bekommen Risse. Das frühere Ich verblasst, wird zu jemandem, den man kaum noch erkennt. Selbst Gewissheiten, die größer waren als das eigene Leben, geraten ins Wanken.

Abschiede tragen viele Gesichter. Manchmal sind sie schwer wie ein Stein in der Brust, manchmal haben sie etwas Helles, fast Verlockendes. Sie schneiden und öffnen zugleich. In ihnen liegt Schmerz, aber auch Bewegung. Ein Stolpern, ein Weitergehen. Ein Verlaufen und vielleicht ein neues Ankommen. Denn Abschied bedeutet nicht nur Verlust. Er verändert. Schiebt an. Reißt auf und macht Raum. Dahinter liegt nicht nur Leere, sondern auch das Unbekannte, das noch keinen Namen hat. Eine Freiheit, die unsicher ist und gerade darin ihren Atem trägt.

In ihrem Tagebuch folgt Gabriele von Arnim diesen Übergängen ein Jahr lang. Sie tastet sich durch Erinnerungen, durch Ängste der Gegenwart, durch das, was bleibt, wenn so vieles geht. Ihre Gedanken kreisen, verirren sich, finden neue Wege ein leises Suchen im eigenen Inneren, zwischen Hoffnung und Zweifel. Und über allem liegt das Wissen um den letzten Abschied, der nicht mehr zurückgenommen werden kann. Eine Ahnung von Endgültigkeit, die sich nicht ganz fassen lässt, aber immer mitschwingt.

„Manchmal übe ich sterben“, schreibt sie.

„Abschied leben“ liest sich wie ein dicht gefülltes Tagebuch, durchzogen vom feinen Gespür für den Geist seiner Zeit. Wie schon in ihren früheren Werken „Das Leben ist ein vorübergehender Zustand“ und „Der Trost der Schönheit“, die mich bereits begleiteten, entfaltet die Autorin ein Gewebe aus philosophischen Reflexionen, Zitaten, Randbemerkungen und literarischen Verweisen, dem ich mich gern anvertraute. Und doch blieb nun etwas sperrig: der wiederkehrende, fast insistierende Blick über den Atlantik, hin zu Amerika und seiner symbolisch aufgeladenen „Nummer 47“. Dieses Motiv schob sich mir zu oft in den Vordergrund, als dass ich mich ihm ganz unbefangen hätte überlassen können.

Das Cover präsentiert einen floralen Druck: helle, weiße Blüten heben sich sanft von einem satten grünen Hintergrund ab. Die Typografie bewegt sich farblich zwischen Schwarz und Grün.

  • Abschied leben
  • Gabriele von Arnim
  • Tagebuch eines Zeitgefühls
  • Rowohlt
  • ISBN: 9783498007768
  • 272 Seiten
  • Erschienen im April 2026

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Time limit exceeded. Please complete the captcha once again.