
»Es gab nur noch die eine Aufgabe, gegen das Vergessen anzuschreiben. Mit aller Liebe, allem Vermögen, in zäher Verbissenheit. Vergessen tötet die Toten noch einmal. Vergessen durfte nicht sein. Und so schrieb ich weiter. Und immer häufiger wurde ich gelesen, und das war ein schwacher Abglanz von Glück.«
Grete Weil
Grete Weils Tramhalte Beethovenstraat ist ein Roman über eine Ehe, die von der Vergangenheit nicht loskommt. Susanne ist reich, Andreas ein mittelloser deutscher Schriftsteller ohne eigenes Werk. Gemeinsam leben sie ausgerechnet in Deutschland. In dem Land, in dem Susannes Eltern ermordet wurden. Für Susanne ist die deutsche Umgebung dennoch unverzichtbar: Ein deutscher Dichter, so ihre Überzeugung, müsse in deutscher Sprache und deutscher Umgebung leben. Schon in dieser Konstellation liegt eine Spannung, die den ganzen Roman durchzieht.
Ihre Geschichte beginnt 1941 im besetzten Amsterdam. Andreas, damals Berichterstatter einer Münchner Zeitung, wohnt zur Untermiete in der Beethovenstraat. Aus seinem Fenster wird er zum Zuschauer eines Verbrechens, das sich Nacht für Nacht wiederholt: Juden werden in Sonderzügen abtransportiert. Er sieht, was geschieht und versucht zu helfen. Zunächst vorsichtig, dann immer tiefer verstrickt in die Schicksale der Menschen, denen er begegnet. Doch seine Hilfe bleibt bruchstückhaft. Gegen die Gewalt des Systems kann der Einzelne kaum etwas ausrichten.
Susanne erlebt dieselbe Zeit aus einer völlig anderen Perspektive. Als verfolgte Jüdin kämpft sie um ihr Überleben. Doch auch dieses Überleben hat seinen Preis. Sie kann sich retten, weil sie sich schuldig macht und in Entscheidungen verstrickt wird, die sie nicht einfach hinter sich lassen kann.
Gerade diese widersprüchlichen Erfahrungen machen den Roman so beklemmend. Grete Weil erzählt nicht in einfachen Kategorien von Tätern und Opfern, Schuld und Unschuld. Stattdessen zeigt sie Menschen, die in einer Zeit äußerster Bedrohung handeln müssen und dabei schuldig werden können, selbst dann, wenn sie eigentlich helfen wollen.
Mich beeindruckte an Traumhafte Beethovenstraat vor allem, wie leise Grete Weil von dieser Schuld erzählt. Das Grauen wird nicht spektakulär ausgestellt, sondern dringt aus den Erinnerungen und Beziehungen der Figuren hervor. Die Beethovenstraat wird dabei zu einem Ort, an dem Vergangenheit und Gegenwart unauflöslich miteinander verbunden bleiben. Was geschehen ist, lässt sich nicht abschütteln und die eigentliche Frage des Romans scheint deshalb nicht nur zu sein, wie man überlebt, sondern wie man mit dem Weiterleben leben kann. Ausgesprochene Leseempfehlung!
Grete Weil (18. Juli 1906 – 14. Mai 1999) gehörte in München zum Freundeskreis um Erika und Klaus Mann, deren Vater Thomas Mann zu ihren literarischen Vorbildern zählte. 1933-1935 Ausbildung zur Fotografin, 1935 Emigration in die Niederlande, wohin ihr Mann Edgar, Dramaturg an den Münchener Kammerspielen, schon 1933 geflohen war. Freundschaft u.a. mit Max Beckmann, Albert Ehrenstein, dem Dirigenten Bruno Walter. Der Versuch, nach der Kapitulation der Niederlande zu fliehen, misslang. Edgar Weil wurde 1941 verhaftet und im KZ Mauthausen ermordet. Grete Weil nahm Kontakt zum Widerstand auf und half beim Fälschen von Pässen und Lebensmittelkarten, arbeitete beim Jüdischen Rat in Amsterdam, tauchte kurz vor der ihr drohenden Deportation 1943 unter und überlebte in einem Versteck. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland im Jahre 1947 zog sie mit ihrem Jugendfreud, dem Opernregisseur Walter Jokisch zusammen, den sie 1961 heiratete. Grete Weil arbeitete bis zu ihrem Tod 1999 als vielfach ausgezeichnete (u.a Geschwister-Scholl-Preis, Carl-Zuckmayer-Medaille, Bayerischer Verdienstorden) Schriftstellerin und literarische Übersetzerin in Grünwald bei München. Der Roman »Tramhalte Beethovenstraat« erschien erstmals 1963 im Limes Verlag, Wiesbaden und wurde 1992 bei Nagel & Kimche wiederveröffentlicht. Quelle Verlag Nagel und Kimche
Das Cover zeigt Max Beckmanns Gemälde Die Synagoge in Frankfurt am Main aus dem Jahr 1919. Der Titel und die übrige Schrift sind in Hellblau und Rostbraun gehalten.
- Tramhalte Beethovenstraat
- Grete Weil
- Roman
- Nagel und Kimche
- ISBN: 9783312013302
- 240 Seiten
- Als Taschenbuch erschienen im April 2024
Schreibe einen Kommentar