
Im Mittelpunkt von Contrapposto steht Cricket, ein zehnjähriger Junge, der im Mittleren Westen der USA unter schwierigen Bedingungen aufwächst. Gemeinsam mit seiner alleinerziehenden Mutter und einem gewalttätigen Stiefvater lebt er in einer Umgebung, die wenig Raum für seine Sensibilität und seine künstlerische Begabung lässt. Dennoch findet Cricket früh in der Kunst einen Ausdruck für das, was ihn bewegt. In der Malerei entdeckt er nicht nur seine Leidenschaft, sondern auch eine Möglichkeit, der Realität zu entkommen und zu sich selbst zu finden. Eine entscheidende Rolle spielt dabei Olympia, die Crickets außergewöhnliches Talent sofort erkennt und es gewissermaßen zum Leben erweckt. Aus einer ersten gemeinsamen Mutprobe entwickelt sich eine lebenslange Verbindung, die selbst die großen Erschütterungen ihres Lebens übersteht: die Jahre an den Kunsthochschulen, den absurden Rausch des internationalen Kunstbetriebs, Kriege, persönliche Triumphe und schmerzhafte Verluste.
Cricket und Olympia könnten dabei kaum unterschiedlicher sein. Während Cricket in Olympia seine Bestimmung und einen festen Halt findet, zieht es sie immer wieder weiter. Zum nächsten Horizont, zur nächsten Obsession und zum nächsten Liebhaber. Sie sucht die Veränderung, während Cricket in ihrer Nähe Beständigkeit findet. Gerade diese Gegensätzlichkeit macht ihre Beziehung so besonders. Olympia ist eine Frau mit unzähligen Facetten, deren Wesen sich jeder eindeutigen Einordnung entzieht. Wie Cricket selbst einmal erkennt: „Ihr Herz hatte tausend Türen, und alle standen sperrangelweit offen.“ (S. 325)
Trotz aller Unterschiede bleiben die beiden über Jahrzehnte einander verbunden. In einer Welt, in der künstlerische Moden kommen und gehen und selbsternannte Scharlatane für kurze Zeit die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, werden Cricket und Olympia zu einer Konstante im Leben des jeweils anderen. Ihre Verbindung ist dabei weit mehr als eine Liebesgeschichte. Sie erzählt von einer außergewöhnlichen Freundschaft, von gegenseitiger Inspiration und von der tiefen Verbundenheit zweier Menschen, die sich trotz aller Veränderungen immer wiederfinden.
Contrapposto ist eine bewegende und zugleich humorvolle Liebeserklärung an die Kunst und an den Mut, sein Leben kompromisslos einer Leidenschaft zu widmen. Im Kern thematisiert der Roman die Kunst als eine rettende und lebensverlängernde Kraft. Als etwas, das Menschen in schwierigen Zeiten Halt und Hoffnung geben und ihnen einen Weg zur Selbstfindung eröffnen kann. Besonders eindrucksvoll fand ich jene Passagen, in denen Cricket ganz in seiner Leidenschaft für die Malerei aufgeht. Sei es beim Zeichnen mit Kohle oder in der tiefen Bewunderung für die Werke anderer Künstler. In diesen Momenten wird spürbar, mit welcher Begeisterung, Hingabe und Überzeugung die Figur ihrem Handwerk nachgeht. Gerade diese Szenen verleihen dem Roman eine besondere Lebendigkeit und machen Crickets Beziehung zur Kunst unmittelbar erfahrbar. Allein für diese Passagen lohnt sich der Roman.
Der Titel Contrapposto ist treffend gewählt. Der Begriff stammt aus dem Italienischen und bedeutet „Gegensatz“. In der Bildhauerei und Malerei bezeichnet der Kontrapost eine natürliche Körperhaltung, bei der das Gewicht einer stehenden Person auf einem Bein, dem Standbein, ruht, während das andere, das Spielbein, entspannt bleibt. Diese Haltung schafft ein spannungsvolles Gleichgewicht zwischen Ruhe und Bewegung. Dieses Prinzip lässt sich zugleich als Sinnbild für die Beziehung zwischen Cricket und Olympia lesen: Sie verkörpern Gegensätze, die sich nicht auflösen, sondern gerade durch ihre Unterschiedlichkeit miteinander verbunden bleiben. Während Cricket Halt und Beständigkeit sucht, drängt Olympia stets nach Veränderung. Zwischen diesen beiden Polen entwickelt sich eine Beziehung, die immer wieder aus dem Gleichgewicht gerät und doch ihre eigene Form von Stabilität findet. Genau darin liegt für mich eine der großen Stärken des Romans.
Dennoch möchte ich zwei Kritikpunkte anmerken: Olympia erschien mir als eine Figur, die eher Distanz als Nähe erzeugte. Bisweilen unerquicklich und nur schwer zugänglich. Und die S#xszenen empfand ich als entbehrlich, da ihnen jede Form von Sinnlichkeit fehlte.
- Contrapposto
- Dave Eggers
- Roman
- Kiepenheuer & Witsch
- ISBN: 9783462055689
- 496 Seiten
- Übersetzung von Andrea O’Brien
- ET Juli 2026
Schreibe einen Kommentar