
„Du hast deinen Ehemann getötet.“ Ein Satz wie ein Schlag, zugleich Anklage und Erkenntnis. So beginnt Marina Vujčićs Roman: als nüchternes Geständnis, als tastende Selbstvergewisserung inmitten von Schuld und Erinnerung.
Lada Lončar sitzt im Frauengefängnis. Und ausgerechnet hier, hinter Mauern, die für andere Strafe bedeuten, entdeckt sie etwas, das sie lange verloren glaubte: eine Form von Sicherheit. Zwischen Verbrecherinnen und Mörderinnen wirkt die Welt klarer, ehrlicher und weniger bedrohlich als jenes bürgerliche Leben, das sich einst als ihr Glück versprach und sich doch als ein schleichendes Horrorkabinett entpuppte.
Du hast Glück, dass er dich will. Du hast das große Los gezogen, aber trotzdem bist du undankbar. Das erklärt er dir schon seit einiger Zeit. Zuerst warst du sein Hauptgewinn und seine Trophäe, aber bald entdeckte er deine Mängel.
Seite 133
In der Enge der Zelle beginnt sie, ihr Leben zurückzuverfolgen. Sie erinnert sich an die junge Frau, die sie einmal war. Voller Hoffnung, überzeugt davon, im Schatten eines angesehenen Universitätsprofessors Erfüllung zu finden. Doch hinter der Fassade von Bildung und Charme begann sich bald ein anderes Gesicht abzuzeichnen: Aus dem brillanten Unterhalter wurde ein Mann, der forderte, klammerte, sich verlor in Selbstmitleid und schließlich in Wut. Was nach außen makellos erschien, blieb im Inneren unsichtbar oder wurde nicht gesehen. Bis die Spannungen sich entluden, bis Worte zu Waffen wurden und schließlich eine Grenze überschritten wurde, die sich nicht mehr zurücknehmen ließ.
Ein Stich. Ein Moment.
Warum hat er sie nicht umgebracht, wenn er angeblich so gewalttätig war? So enden doch diese Geschichten normalerweise.
Seite 19
Und plötzlich steht Lada zwischen zwei Wahrheiten: Opfer und Täterin zugleich, gefangen in einer Geschichte, die sich nicht mehr eindeutig erzählen lässt.
Normalerweise ist die Frau das Opfer, aber sie ist nur dann das Opfer, wenn sie tot ist.
Seite 19
Du hast mich umgehauen. Zu Beginn war das bloß eine Metapher, aber später war es buchstäblich so.
Seite 174
Dieser Roman hat mir viel abverlangt. Die Szenen häuslicher Gewalt sind von einer Eindringlichkeit, die nachhallt, lange nachdem man das Buch aus der Hand gelegt hat. Es ist nicht nur die offensichtliche Brutalität, die erschüttert, sondern vor allem die subtile, unheilvolle Spannung, die sich Seite für Seite aufbaut. Kaum greifbar und doch allgegenwärtig. Immer wieder zwang mich diese Atmosphäre, innezuhalten, Abstand zu gewinnen, das Gelesene in Etappen zu verarbeiten.
Und dennoch, oder gerade deshalb, ist Sicheres Haus ein zutiefst wichtiges Buch. Es verlangt viel, aber es gibt ebenso viel zurück: Erkenntnis, Bewusstsein, vielleicht auch ein anderes Hinsehen. Denn im Kern erzählt es die Geschichte eines verhinderten Femizids und macht sichtbar, was so oft im Verborgenen bleibt.
Das schwarze Cover wird von der Illustration eines Blumenstraußes durchbrochen, dessen Farben – Blau, Weiß, Orange und Pink – lebendig hervorleuchten. Dieselben Töne greifen sich in der Typografie wieder auf.
- Sicheres Haus
- Marina Vujčić
- Roman
- Residenz Verlag
- ISBN: 9783701718207
- Übersetzt von Mascha Dabić
- 280 Seiten
- Erschienen im März 2026
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