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Physik der Schwermut ~ Georgi Gospodinov

Ein Erzähler von grenzenloser Empathie durchstreift die Zeiten und Existenzen: Er lauscht dem stummen Leid des im Labyrinth verbannten Minotaurus ebenso wie der stillen Beharrlichkeit einer Gartenschnecke oder den verblassenden Erinnerungen des eigenen Großvaters. Mit tastender Vorstellungskraft errichtet er ein Museum der inneren Bilder, ein Archiv imaginierter Erinnerungen, in dem sich das Vergangene und das Gegenwärtige unauflöslich verschränken.

Was geschah mit den Namen, nachdem ihre Besitzer gestorben waren? Waren sie frei? Fuhren die Namen fort etwas zu bedeuten, oder zerfielen sie wie die Körper unter ihnen und blieben nur die Knochen der Konsonaten übrig.

Seite 73

Sein Blick durchmisst Epochen wie ein aufziehendes Unwetter. Von den Mythen der griechischen Antike über die Umbrüche des frühen 20. Jahrhunderts bis hin zu den letzten Nachklängen des bulgarischen Kommunismus. In diesem fortwährenden Festhalten offenbart sich zugleich die Zerbrechlichkeit aller Dinge: Denn jedes Erinnern trägt bereits den Schatten des Vergessens in sich.

Dinge, die nicht zum Sammeln taugen
(Liste des Unbeständigen)
Käse – beginnt zu miefen
Äpfel – verschrumpeln, faulen
Wolken – ändern des Aggregatzustand
Quittenmarmelade – bekommt Schimmelhaut
Geliebte – altern, verschrumpeln (siehe Äpfel)
Kinder – wachsen
Schneemänner – schmelzen
Kaulquappen und Raupen – ändern die Körperform

Seite 243

Und so stellt sich unausweichlich die Frage: Was bedeutet es zu leben, wenn nicht dies, das unermüdliche Sammeln von Erinnerungen, das Sich-Hineinversetzen in andere Leben, das behutsame Bewahren dessen, was unaufhaltsam vergeht?

So tief die Melancholie den Roman durchzieht, wird sie doch immer wieder von leisen, oft überraschenden Momenten des Komischen durchbrochen. In diesem feinen Wechselspiel beginnen die Grenzen zwischen Schwermut und Leichtigkeit zu verschwimmen, als gehörten sie untrennbar zusammen. Ob es die alten Mythen sind, die bruchstückhaften Erinnerungen an den Großvater als Kind und Soldat oder die eigene Lebensgeschichte, die im kommunistischen Bulgarien beginnt und sich bis zu jenem Punkt entfaltet, an dem Erinnerungen wie in Zeitkapseln konserviert werden. Gospodinovs Roman hält auf jeder Seite etwas Eigenwilliges, etwas Unverwechselbares bereit. Melancholie und Humor stehen dabei nicht im Widerspruch, sondern nähren einander.

Es dauert ein paar Kapitel, doch dann lässt sich nicht mehr leugnen, dass Physik der Schwermut in den Rang großer Literatur gehört. Mit einer seltenen Verbindung aus poetischer Zartheit und existenzieller Wucht entfaltet der Text Reflexionen über Leben und Tod, über Trauer und Erinnerung, über die Literatur selbst, so eindringlich und zugleich so anmutig, dass einem die Worte darüber beinahe entgleiten.

Das Cover präsentiert sich in schlichter Eleganz: Auf weißem Grund entfaltet sich ein goldenes Labyrinth, dessen verschlungene Wege von zarten Schneckenillustrationen belebt werden. Die schwarze Typografie setzt dazu einen klaren, ruhigen Kontrast.

  • Physik der Schwermut
  • Georgi Gospodinov
  • Roman
  • Aufbau Verlag
  • ISBN: 9783351042912
  • Übersetzt von Alexander Sitzmann
  • Erschienen im Mai 2026

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