
Christina, die junge Protagonistin in Helene Bukowskis Roman Wer möchte nicht im Leben bleiben, scheint einen Weg vor sich zu haben, der ihr alle Türen öffnen könnte. Mit gerade einmal elf Jahren wird sie aus Neubrandenburg herausgerissen und auf eine Spezialschule für Musik mit angeschlossenem Internat nach Berlin geschickt. Ihr außergewöhnliches Talent führt sie schließlich bis an das renommierte Tschaikowski-Konservatorium in Moskau. Eine Welt, die von Disziplin, Ehrgeiz und dem Streben nach Vollkommenheit geprägt ist und in der für die leisen Zwischentöne einer jungen Seele womöglich kaum Raum bleibt. Hinter den großen Erwartungen und der glänzenden Fassade einer vielversprechenden musikalischen Laufbahn zeichnet sich ein Leben ab, dessen Zerbrechlichkeit sich nach außen hin kaum erahnen lässt. Im Jahr 1985, noch nicht einmal Mitte zwanzig, nimmt Christina sich das Leben. Sie springt aus dem Fenster der elterlichen Wohnung. Ein erschütternder Schlusspunkt, der die Frage aufwirft, wie viel ein Mensch ertragen kann, bevor die Hoffnung auf ein Weiterleben verloren geht.
Auf dem Rückweg taucht unvermittelt eine Ansammlung von Menschen vor dir auf. Sie lehnen an einer steinernen Brüstung. Dahinter, von einem Wassergraben umgeben, laufen zwei Bären auf einem Plateau im Kreis. Ihr braunes Fell ist nass. Die Spree ist immer noch so nahe, dass du das brackige Wasser riechen kannst.
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Christina erinnert an einen jungen Bären, der früh daran gewöhnt wurde, sich den Erwartungen anderer zu beugen und vor den Augen des Publikums seine Kunststücke vorzuführen. Was nach außen wie Stärke, Begabung und Bewunderung erschien, war zugleich ein Leben voller Vorgaben und fremder Bestimmungen. Sie lernte, zu gefallen, zu leisten und zu funktionieren. Immer in dem Wissen, dass Anerkennung an ihre Leistung geknüpft war. Doch was geschieht, wenn die Kräfte schwinden und die Kunststücke nicht mehr gelingen wollen? Wenn der Applaus verstummt und all das, wofür man ein Leben lang trainiert hat, plötzlich nicht mehr zählt? Christina musste erfahren, wie brüchig die Welt war, auf die sie ihr ganzes Dasein ausgerichtet hatte. Die Anerkennung, der Erfolg, die Bestätigung, nach denen sie sich so sehr gesehnt hatte, schienen ihr entzogen zu werden. Zurück blieb ein junger Mensch, der so lange gelernt hatte, den Erwartungen anderer gerecht zu werden, dass kaum Raum geblieben war, den eigenen Bedürfnissen und Sehnsüchten nachzuspüren. Gerade darin liegt die Tragik ihres Schicksals: in der stillen Frage, wer sie hätte sein dürfen, wenn sie nicht immer hätte leisten müssen, um gesehen zu werden.
Eine zutiefst bewegende Geschichte, die berührt und noch lange nach dem Lesen leise in einem weiterklingt. Ausgeprochene Leseempfehlung!
Das Cover zeigt eine eindrucksvolle Schwarz-Weiß-Darstellung einer Bärengrube, in der sich vier Bären befinden. Am oberen Rand der Grube stehen Menschen, die das Geschehen von außen beobachten. Ein Streifen in Orange und Blau setzt einen farblichen Akzent. Darauf heben sich der Name der Autorin und der Buchtitel in weißer Schrift ab.
- Wer möchte nicht im Leben bleiben
- Helene Bukowski
- Roman
- Claassen
- ISBN: 9783546101585
- 384 Seiten
- Erschienen im Februar 2026
- Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026
- Nominiert für den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis 2026
- Auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2026
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