
Der Hunger kennt kein Erbarmen. In der von der deutschen Wehrmacht belagerten Stadt Leningrad kämpft der sechzehnjährige Jura Rjabinkin um sein Leben und verliert. Was von ihm bleibt, ist ein Tagebuch: begonnen im Juni 1941, die Aufzeichnungen eines Jungen, dessen Träume, Gedanken und Hoffnungen dem Tod nicht standhalten konnten. Jahrzehnte später liest der Erzähler immer wieder in diesen Zeilen. Je tiefer er in Juras Aufzeichnungen eintaucht, desto näher scheint ihm der fremde Junge zu kommen, bis aus der Lektüre eine Begegnung wird, die die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion, Vergangenheit und Gegenwart allmählich auflöst. Jura tritt als Romanfigur aus den Seiten seines Tagebuchs heraus, und auch der Erzähler wird Teil dieser Geschichte. Behutsam nähern sich die beiden einander an, bis ein immer intensiverer Austausch entsteht. Über Jugend und Sehnsucht, über Träume und Literatur, über Mütter, Gewalt, Fremdheit und Nähe. Sie teilen ihre tiefsten Ängste, ihre Verletzlichkeit und ihre persönlichsten Geschichten. So entspinnt sich ein bewegender Dialog zwischen einem, dem das Leben gewaltsam genommen wurde, und einem, der ihm durch das Erzählen eine Stimme zurückgibt. Ein Roman über die zerbrechliche Kostbarkeit des Lebens und die Kraft der Literatur, einen Menschen vor dem Vergessen zu bewahren.
Merk dir das halt mal, sagt Jura, dass du einen Menschen am besten an seiner Schwäche erkennst. Nur in unserer Schwäche werden wir überhaupt sichtbar. Du hast immer Angst vor dem anderen, weil du ihn für stark hälst. Deshalb siehst du ihn nicht. Du bist blind von der Stärke, die du in deine Mitmenschen projizierst.
Seite 197
Ich will niemanden unterschätzen, sage ich.
Im Gegenteil: Du unterschätzt den anderen, wenn du ihm seine Schwäche absprichst.
Ich muss zugeben, dass ich mit diesem Roman zunächst meine Schwierigkeiten hatte. Die behutsame, bisweilen für mich schwer greifbare Annäherung zwischen dem Erzähler und Jura wollte mich nicht wirklich erreichen. Nach etwa hundert Seiten legte ich das Buch schließlich zur Seite. Doch die Geschichte ließ mich offenbar nicht ganz los, denn einige Tage später wagte ich einen neuen Anlauf. Und dann kam ich zu einer Szene, die meinen Blick auf den Roman grundlegend veränderte.
Der Erzähler, ungefähr im selben Alter wie Jura, gerade einmal sechzehn Jahre alt, gerät bei einer Familienfeier in einen Konflikt. Ich möchte an dieser Stelle nicht zu viel verraten. Nur so viel: Es geht um Nahrung, um das Verlangen danach und um die Selbstverständlichkeit, mit der wir unseren Hunger stillen können. Diese Szene hat mich tief getroffen. Mit einem Mal wurde mir so schmerzlich bewusst, was Jura ertragen musste: diesen quälenden, unerbittlichen Hunger, die ständige Bedrohung des eigenen Lebens und eine ausweglose Situation, in der selbst das Allernötigste zum unerreichbaren Luxus wurde. Was zuvor für mich noch auf Distanz geblieben war, rückte plötzlich ganz nah. Ich begann zu begreifen, was es bedeutet haben muss, in einer belagerten Stadt dem Hungertod ausgeliefert zu sein.
Trotz meiner anfänglichen Schwierigkeiten ist mir dieser Roman schließlich ans Herz gewachsen. Vielleicht gerade deshalb, weil er seine Wirkung bei mir nicht sofort, sondern erst nach und nach entfaltet hat. Er hat mich innehalten lassen und meinen Blick geschärft für das unermessliche Leid, das hinter den nüchternen Zahlen und historischen Fakten verborgen liegt. Jura Rjabinkin war kein bloßer Name in einem Geschichtsbuch. Er war ein Junge mit Gedanken, Sehnsüchten und Träumen. Ein Junge, der gerade einmal sechzehn Jahre alt wurde.
Für mich ist dieses Buch weit mehr als ein Roman. Es ist ein bewegendes literarisches Zeugnis gegen das Vergessen, das einem jungen Menschen seine Stimme zurückgibt und uns daran erinnert, dass hinter jeder Zahl ein Schicksal steht. Und manchmal braucht es nur eine einzige Szene, um uns das Grauen der Geschichte auf eine Weise begreifen zu lassen, die uns nicht mehr loslässt. Ausgesprochene Leseempfehlung!
Das Cover ziert das Gemälde einer stillen Winterlandschaft. Zwischen den schneebedeckten Baumstämmen schlängelt sich ein kleiner Bach durch die dichten Baumgruppen. Die Farbpalette besteht aus Braun-, Blau-, Weiß- und Grautönen. Dazu bilden die weißen und leuchtend hellblauen Schriftzüge einen Kontrast.
- Juras letzter Winter
- Edgar Selge
- Roman
- Rowohlt
- ISBN: 978-3-498-00344-9
- 256 Seiten
- Erschienen im September 2026
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