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Das vorletzte Haus am Fluss ~ Felicitas Geduhn

Als Just plötzlich verschwindet und ein Storch auf Sunas Dach Platz nimmt, will sie Rat bei ihrem Vater Andreas suchen. Doch auch er ist spurlos verschwunden. Schon seit Wochen, wie ihre Mutter Conny ihr erzählt. Ohne Just hält Suna es in ihrer Stadtwohnung nicht mehr aus und kehrt in ihr Elternhaus auf dem Land zurück. Dort begegnet sie einer Mutter, die sich hinter ihrer Nähmaschine und Bergen von Stoffen verschanzt, unermüdlich näht und beharrlich schweigt. Conny ist in diesem Haus selbst aufgewachsen, in einer Zeit vor der Wende, in der vieles anders war und sich doch manches erschreckend vertraut anfühlt. In Sunas Kinderzimmer hat einst auch Conny ihre Träume geträumt, während sie ihre Hoffnungen und Sehnsüchte auf dem Acker hinter dem Haus begrub.

All das Laub, das im Herbst von den Bäumen fällt, beschleunigt die Drehung der Erde um ihre eigene Achse. Die fallenden Blätter nehmen dem Tag und der Nacht also den Bruchteil einer Sekunde.

Seite 124

Zum ersten Mal seit Jahren leben Mutter und Tochter wieder unter einem Dach und doch scheinen sie Welten voneinander entfernt. Zwischen Schweigen, verlorenen Träumen und der quälenden Abwesenheit von Andreas müssen sich Suna und Conny ihrer gemeinsamen Vergangenheit und den unausgesprochenen Wahrheiten ihrer Familie stellen.

Wie sehr beeinflusst der Ort, an dem wir aufgewachsen sind, unser Leben? Wer wären wir geworden, wenn wir nicht hier, sondern woanders aufgewachsen wären? Wieviel Ort steckt in uns? Und: Lässt er sich je abschütteln?

Seite 173

Was mich an diesem Roman besonders berührt hat, ist die große Einsamkeit, die zwischen all den Figuren liegt. Obwohl sie einander nahestehen sollten, begegnen sie sich wie Fremde. Mutter und Tochter, Tochter und Vater, Vater und Mutter. Überall spürte ich diese unsichtbare Distanz und die Unfähigkeit, sich wirklich zu öffnen. Dabei gelingt es Felicitas Geduhn, ihren Figuren mit so viel Empathie zu begegnen, dass ich ihre Sehnsucht nach Nähe ebenso nachempfinden konnte wie ihr Scheitern daran. Diese stille Traurigkeit zieht sich durch die gesamte Geschichte und wird zu einer schweren Last, die auch Sunas Beziehung zu Just prägt.

Für mich ist Das vorletzte Haus am Fluss vor allem ein bewegender Familienroman über generationenübergreifende Verletzungen, über verdrängte Wünsche und über Muster, die sich wiederholen, obwohl man ihnen vielleicht längst entkommen möchte. Beim Lesen habe ich mich immer wieder gefragt, wie viel von dem, was uns prägt, wir tatsächlich hinter uns lassen können und wie viel wir unbewusst an die nächste Generation weitergeben.

Besonders angetan hat es mir die poetische, beinahe schwebende Sprache. Manche Szenen haben etwas Traumhaftes, manchmal fast Magisches, als würden sich Wirklichkeit und Erinnerung ganz selbstverständlich miteinander verweben. Dies verleiht der Geschichte eine besondere Atmosphäre. Auch die liebevoll gezeichneten Nebenfiguren sind mir ans Herz gewachsen. Sie bringen Wärme und Menschlichkeit in diese oft so stille, melancholische Erzählung und machen den Roman für mich zu einer Geschichte, die noch lange nach dem Lesen nachhallt. Ausgesprochene Leseempfehlung!

Das Cover zeigt den Druck eines alleinstehenden Hauses, umgeben von einigen Bäumen, die etwas weiter entfernt stehen. Der leuchtende Hintergrund in Orange- und Lilatönen bildet einen auffälligen Kontrast zum Motiv. Die weißen und gelben Schriftzüge heben sich deutlich von den kräftigen Farben ab.

  • Das vorletzte Haus am Fluss
  • Felicitas Geduhn
  • Roman
  • Kampa Verlag
  • ISBN: 978-3311101789
  • 320 Seiten
  • Erschienen im August 2026

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