
Suki ist mein fünfter Roman von Salih Jamal, den ich in Händen hielt. Die Spannung war groß, nicht nur aus dem Grund, da in einigen der Besprechungen von einem Pageturner die Rede war. Und gleich vorab, ich sags wie es ist: Es ist ein Pageturner!
Die sechzehnjährige Suki wächst bei ihrer Großmutter in Berlin auf. Ihr japanischer Vater ist nach einer kurzen Beziehung mit ihrer Mutter wieder verschwunden, während ihre Mutter inzwischen mit einer anderen Familie ein neues Leben begonnen hat. Suki scheint im Leben ihrer Eltern kaum noch eine Rolle zu spielen. Umso größer ist ihre Sehnsucht nach Nähe und Geborgenheit und gleichzeitig ihre Angst davor, sich auf andere Menschen einzulassen und erneut verlassen zu werden. Diese innere Zerrissenheit begleitet sie durch ihren Alltag. In der Schule erlebt sie die Spannungen innerhalb der Klassengemeinschaft, während die großen Krisen der Welt zusätzlich auf die Jugendlichen einwirken. Suki fühlt sich zunehmend verloren und versucht, die fehlende innere Wärme durch Zucker zu kompensieren. Hinter ihrer scheinbaren Unangepasstheit spürt man eine große Einsamkeit und den verzweifelten Wunsch, irgendwo dazuzugehören und von jemandem wirklich gesehen zu werden.
Die Großmutter bemüht sich, Suki ein Zuhause und ein Gefühl von Sicherheit zu geben. Doch selbst diese Räume wirken nie ganz selbstverständlich oder warm. Innen wie außen liegt etwas Künstliches über der Szenerie: die winterliche Kälte und die Großstadt Berlin schaffen eine Atmosphäre, die Sukis innere Verfassung widerspiegelt.
Dann ist da Anna Fischer, Sukis Lehrerin, sie ist selbst mit ihrer Vergangenheit und ihren eigenen Bruchstellen konfrontiert. Die Begegnung zwischen ihr und Suki entwickelt sich vorsichtig und mit einer spürbaren Spannung. Gerade diese fragile Nähe fand ich besonders eindringlich, weil sie nicht einfach Antworten liefert, sondern viele Fragen offenlässt.
Was mir an dem Roman besonders gefallen hat, ist die Mischung aus Schwere und leisen Momenten der Hoffnung. Verlust, Überforderung, Einsamkeit und Zukunftsmüdigkeit werden nicht beschönigt, aber auch nicht als endgültiger Zustand erzählt. Stattdessen geht es immer wieder um die Möglichkeit, trotz allem weiterzumachen und füreinander da zu sein. Suki, ist eine moderne Parzivalgeschichte über Verlust, Verletzlichkeit und die Frage, wie man trotz eigener Brüche weiterleben und füreinander da sein kann. Eine Geschichte über Einsamkeit, Überforderung, die Sehnsucht nach Nähe und über die leise Hoffnung, von einem anderen Menschen wirklich gesehen zu werden. Ein stiller, berührender und poetischer Roman, der mich besonders wegen seiner verletzlichen Figuren und seiner nachhallenden Atmosphäre angesprochen hat.
Doch damit ist noch nicht alles erzählt. Das Nachwort von Salih Jamal verleiht dem Roman eine weitere, leise und zugleich eindringliche Tiefe. Sein Blick richtet sich auf die Jugendlichen, die in einer von Flucht, Pandemie, Klimakrise und Kriegen geprägten Zeit aufwachsen und deren Leben von Unsicherheit und Umbrüchen begleitet wird. Zugleich richtet er den Blick auf die Beziehungen, die heute entstehen: Begegnungen, die sich manchmal innerhalb kürzester Zeit verdichten, Vertrautheit entstehen lassen und ebenso schnell wieder verschwinden können. Hinter all diesen flüchtigen Verbindungen spürt Jamal die Sehnsucht nach Nähe und die Erfahrung von Einsamkeit, die viele junge Menschen begleitet. So öffnet das Nachwort den Roman noch einmal für eine größere Gegenwart und macht sichtbar, was zwischen den Zeilen bereits mitschwingt: die fragile Suche nach Halt, Verbundenheit und einem Gegenüber, das bleibt. Ausgesprochene Leseempfehlung!
Das Cover zeigt die Schwarz-Weiß-Aufnahme eines Mädchens mit langem, dunklem Haar. Eines ihrer Augen hält sie geschlossen, wodurch das Bild zugleich verletzlich und geheimnisvoll wirkt. Die gelbe Schrift hebt sich deutlich vom Hintergrund ab.
- SUKI
- Salih Jamal
- Roman
- edition federleicht
- ISBN: 9783689350246
- 203 Seiten
- ET 2. Oktober 2026
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