
Als ich Die Odyssee auf der großen Kinoleinwand sah, war ich sofort gefangen von der Wucht der Bilder, der archaischen Welt der Götter und Helden und diesem eigentümlichen Sog, den die griechischen Mythen bis heute entfalten. Kaum war der Film vorbei, begann ich in meinem Fundus ungelesener Bücher zu stöbern. Ich suchte nach Geschichten, die mich zurück in diese Welt führen könnten. Dabei fiel mein Blick auf Kassandra von Christa Wolf, illustriert von Nadine Prange. Ein Buch, das schon lange darauf gewartet hatte, entdeckt zu werden und das mich nun auf eine ganz andere Reise mitnahm: weg vom Glanz der Heldenepen und hinein in die Gedankenwelt einer Frau, die den Untergang kommen sieht und dennoch niemanden davon überzeugen kann.
Es ist ein Mythos, der von Anfang an auf Gewalt gebaut ist: der Trojanische Krieg, jenes große Epos des abendländischen Patriarchats, in dem Männer Geschichte schreiben und Frauen allzu oft zu deren Randfiguren werden. Christa Wolf rückt eine von ihnen ins Zentrum – Kassandra. Die sieht, was kommen wird, und gerade deshalb zum Verstummen verurteilt ist.
Als sie Apollons Liebe zurückweist, macht der gekränkte Gott aus seiner Gabe einen Fluch: Kassandra darf die Zukunft erkennen, doch niemand wird ihr glauben. Eine Seherin ohne Gehör, eine Frau, deren Wahrheit an der Macht abprallt. Nach dem Fall Trojas sitzt sie auf dem Beutewagen des Agamemnon und lässt ihr Leben Revue passieren. Was wie ein Blick zurück beginnt, wird zur schonungslosen Selbstbefragung: nach Macht und Ohnmacht, nach Begehren und Verlust, nach der Möglichkeit, sich in einer von Männern bestimmten Welt eine eigene Stimme zu bewahren.
Christa Wolf erzählt den Mythos nicht einfach neu, sie dreht ihn um. Aus der vermeintlichen Randfigur wird eine Erzählerin, aus der antiken Seherin eine Frau, die um Autonomie ringt und dabei eine Erfahrung zur Sprache bringt, die weit über Troja hinausweist. Kassandras Geschichte handelt von Krieg und Herrschaft, aber ebenso von dem zähen, oft schmerzhaften Versuch, sich selbst nicht abhandenzukommen.
Nadine Prange findet dafür eine Bildsprache von eigentümlicher Wucht. Ihre reduzierte Farbpalette lässt die Welt wie unter einem Schleier erscheinen; der breite, entschlossene Strich gibt den Figuren und Szenen etwas Unmittelbares, beinahe Archaisches. Nichts wirkt ornamental. Die Bilder scheinen vielmehr aus derselben Dunkelheit aufzusteigen, in der Wolf ihren Mythos neu vermisst.
So begegnen sich Text und Bild auf besondere Weise: Christa Wolfs kluger, unbequemer Blick auf das griechische Epos erhält bei Nadine Prange eine visuelle Gestalt, die den Mythos nicht illustriert, sondern weiterdenkt. Kassandra wird dabei zur Figur zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Eine Frau, die weiß, was kommt, und deren Stimme gerade deshalb nicht verstummen darf. Ausgesprochene Leseempfehlung!
- Kassandra
- Christa Wolf
- Büchergilde Guttenberg
- ISBN: 978-3-7632-7588-5
- Illustrationen von Nadine Prange
- 208 Seiten
- Erschienen im März 2025
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