
Der Debüt – Roman Klasse Frauen von Andrea Kerstinger entwickelt sich aus einer unscheinbaren Geste: Rebekka stößt ein Maturatreffen an und setzt damit Erinnerungen, Fragen und längst sedimentierte Gefühle in Bewegung. Was folgt, ist kein geradliniges Wiedersehen, sondern ein vielschichtiges Echo vergangener Jahre. Die Frauen, einst durch Schulzeit und Herkunft verbunden, haben sich in unterschiedliche Richtungen entwickelt. Ihre Lebensentwürfe tragen Spuren von Entscheidungen, die verteidigt, und von Erinnerungen, die lieber verschwiegen wurden. Im Wiederauftauchen dieser Vergangenheit beginnen Gewissheiten zu bröckeln.
Der Raum des Burgenland wird dabei zur erzählerischen Landschaft, in der sich Biografien verzweigen. Sprachliche Vielfalt durchzieht den Text wie ein lebendiger Unterstrom: Burgenland-Kroatisch, Ungarisch, Hianzisch, Dialekte, Romani und Ukrainisch verleihen den Stimmen Eigenklang und verankern die Figuren tief in ihrer Region.
Das eigentliche Treffen bleibt eine Leerstelle. Es ist ausgespart, doch allgegenwärtig und existiert als Möglichkeit, als Projektion, als innerer Schauplatz, an dem sich Begegnung, Konfrontation und vielleicht Versöhnung ereignen könnten.
Ein zentrales Motiv in diesem Debüt ist die leise, oft brüchige Kraft weiblicher Solidarität. Viele der Figuren tragen ihre Lasten zunächst allein, verharren in gewohnten Mustern des Schweigens oder der Selbstbehauptung. Und doch schwingt durch den Text eine beharrliche Sehnsucht nach Verbundenheit. Andrea Kerstinger zeichnet dabei kein idealisiertes Bild von Zusammenhalt, sondern zeigt, wie Konkurrenzdenken, unausgesprochene Vorurteile und alte Verletzungen trennende Linien ziehen. Gerade in diesen Spannungen wird jedoch sichtbar, wie viel leichter das Leben sein könnte, würden die Frauen einander nicht als Gegenüber, sondern als Verbündete begreifen. Klasse Frauen ist ein sensibles, vielstimmiges Porträt von vierzehn Frauen in der Mitte ihres Lebens. Getragen von leiser Solidarität, durchzogen von Brüchen und Widersprüchen, und fest verwurzelt in einer gemeinsamen Herkunft, die sie zugleich verbindet und herausfordert.
Der Roman entfaltet so die Vorstellung eines Miteinanders, das nicht selbstverständlich ist, sondern erst errungen werden muss. Durch Offenheit, durch das Teilen von Erfahrungen und durch die Bereitschaft, einander Raum zu geben. In dieser leisen, aber eindringlichen Botschaft liegt sein humaner Kern: dass echte Stärke dort entsteht, wo Frauen einander tragen, statt sich voneinander abzugrenzen. Leseempfehlung!
Das Cover zeigt eine stilisierte Frauenfigur mit markantem schwarzem Pagenkopf. Auf ihrem Kopf sitzt eine dunkelblaue Baskenmütze. Sie tragt eine orangefarbene Jacke, darunter blitzt ein hellblau-weiß gestreiftes Oberteil hervor. Der Hintergrund öffnet sich zu einem sanften, hellblauen Himmel, durchzogen von lockeren weißen Wolken. Die Typografie greift diese Farbwelt auf und setzt mit Pink, Weiß und Dunkelblau kontrastreiche Akzente.
- Klasse Frauen
- Andrea Kerstinger
- Roman
- Edition Keiper
- ISBN: 9783903575707
- 184 Seiten
- Erschienen im Februar 2026
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