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Heim holen ~ Katherina Braschel

Lina wächst als Kind der 1990er-Jahre in einer Umgebung auf, die wie aus der Zeit gefallen wirkt. In einer donauschwäbischen Gemeinschaft, die nach Flucht und Vertreibung in Salzburg eine neue Heimat gefunden hat, wird das traditionelle Leben der Vorkriegszeit weitergeführt, mit all seinen Bräuchen, Erinnerungen und unausgesprochenen Geschichten.

Eines Tages gerät dieses vertraute Bild ins Wanken: Lina erfährt, dass ihr Großvater Mitglied der SS gewesen ist. Diese Entdeckung erschüttert sie zutiefst und lässt sie die bisherige Familienerzählung vom eigenen Leid und der Vertreibung hinterfragen. Zwischen der tiefen Zuneigung zu ihren längst verstorbenen Großeltern und ihrem wachsenden politischen Bewusstsein beginnt Lina nach Antworten zu suchen, die über die gewohnten Opfergeschichten hinausgehen.

Unterstützt von ihrem engen Freundeskreis wagt sie es schließlich, das Schweigen innerhalb der Familie zu durchbrechen. Ihre Suche nach Wahrheit führt sie auf eine Reise durch die Vergangenheit. Eine Recherche, die sie bis nach Belgrad bringt und sie mit den verdrängten Kapiteln ihrer Herkunft konfrontiert.

Doch der schwierigste Schritt steht ihr noch bevor: das Gespräch mit ihrer Mutter. Als Lina den Mut aufbringt, auch diese Konfrontation zu suchen, gerät die Familie an ihre Grenzen und die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wird zu einer emotionalen Zerreißprobe.

„Also es war so, dass die jungen Burschen sich damals entscheiden mussten: entweder dort zum Militär oder zum deutschen. Und es hat geheißen, dass der Militärdienst beim deutschen Heer kürzer sein würde, deswegen hat der Uropa zum Opa gesagt, dass er eben jetzt gehen soll, dann hat er es hinter sich. Es sind ja fast alle Donauschwaben damals zum deutschen Heer, du musst dir ja vorstellen, die waren vorher dort sehr unterdrückt, die durften nicht deutsch sprechen auf der Straße, die Deutsche Schule wurde geschlossen und so weiter. Da war es klar, dass man sich fürs deusche Herr entscheidet. Auch weil man ja nicht auf die eigenen Freunde und Verwandte schießen wollte.”

Der Konflikt zwischen Lina und ihrer Mutter zählt zu den eindringlichsten Momenten des Romans. In ihm verdichtet sich ein Generationskonflikt, der vor dem Hintergrund der bis heute spürbaren Verdrängung nationalsozialistischer Schuld in Deutschland und Österreich beinahe exemplarischen Charakter erhält. Während Lina als Enkelin den Wunsch verspürt, die Vergangenheit ihres Großvaters schonungslos offenzulegen, weicht ihre Mutter einer solchen Auseinandersetzung aus. Die Vorstellung, dass ihr eigener Vater als SS-Verbrecher Teil des nationalsozialistischen Gewaltapparats gewesen sein könnte, erschüttert ihr Selbstbild zutiefst. Ihre Abwehr wirkt daher weniger wie Gleichgültigkeit als vielmehr wie ein Schutzmechanismus. Eine Reaktion, die bei vielen Kindern von NS-Tätern bis heute zu beobachten ist.

In einer eindringlichen Sprache erzählt die Autorin vom mühsamen Versuch, Worte für das lange Verschwiegene zu finden. Ihr Roman kreist um Fragen von Schuld, Erinnerung und Verantwortung und macht deutlich, wie tief die Schatten der Vergangenheit bis in die Gegenwart reichen. Heim holen ist damit weit mehr als eine persönliche Familiengeschichte: Es ist ein Zeitzeugnis, das die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit eindrucksvoll vor Augen führt. Ausgesprochene Leseempfehlung!

Anbei Informationen über die Donauschwaben:

https://www.donauschwaben.bayern/geschichte

Das Cover präsentiert sich in unterschiedlichen, floral anmutenden Farbnuancen. Die Schrift ist in Weiß gehalten und hebt sich klar von dem farbigen Hintergrund ab.

  • Heim holen
  • Katherina Braschel
  • Roman
  • Residenz Verlag
  • ISBN:9783701718153
  • 272 Seiten
  • Erschienen im Januar 2026

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