> Dement, aber nicht bescheuert < von Michael Schmieder

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Für einen neuen Umgang mit Demenzkranken

< Die Würde des Menschen ist unantastbar! < Artikel 1 des Deutschen Grundgesetzes.

Worum geht es?
Demenzkranke wollen als Menschen wahrgenommen werden. Aber wir „Gesunden“ können nicht ertragen, einen geliebten Angehörigen ins Vergessen gleiten zu sehen – wir therapieren, beschäftigen und medikamentieren, damit wir uns nicht hilflos fühlen. Doch hilft das den Dementen? Nein, im Gegenteil. Die Kranken möchten in ihrem So-Sein angenommen werden. Dafür plädiert Michael Schmieder, und dieses Konzept praktiziert er im Pflegeheim Sonnweid – mit beeindruckendem Erfolg.

Was ist besonders?
Michael Schmieder ist ein Mann der Praxis: Er lebt das, was er schreibt. Er nimmt die Demenzkranken und ihre Bedürfnisse ernst und behandelt jeden Kranken als Individuum. Die Dementen bestimmen die Bedingungen, unter denen sie leben möchten. Wenn das bedeutet, dass eine Patientin nur noch Torte isst und ein anderer am besten im Flur schläft, so ist das in Ordnung. Hauptsache, es geht den Patienten gut. Und das tut es: Sonnweid gilt als eines der besten Pflegeheime für Demenzkranke.( Quelle Ullstein)

< Der demente Mensch ist Staatsfeind Nummer eins in allen Altersheimen. Ein Anarchist, der Normen verweigert, sich querstellt, boykotiert, schreit und schweigt aus Gründen, die nur er kennt. Er ist schamlos, offen und zugleich verschlossen. Ein Störenfried, der sich nichts sagen lässt und das Chaos zur Norm erhebt. Er stellt neue Normen auf und verändert sie sekündlich.<

Fazit: Michael Schmieder nimmt sich hier in seinem Buch einer, seiner Herzensangelegenheit an. Demenziell erkrankten Menschen ihre Würde zu lassen. Er hat die Norm der vielen Krankenhäuser und Altersheimen, in seinem geführten Sonnweid, durchbrochen und maßgeblich verändert. Der Tagesablauf in vielen Pflegeeinrichtungen, richtet sich nicht nach den Bedürfnissen der Patienten und Bewohner, sondern zwingt ihnen die Bedingungen des jeweiligen Hauses auf, indem man sie wie Schachfiguren in einem vorgegebenen System positioniert. Die halbherzige Lösung, zu der sich einige Heime aufgerafft haben, besteht allerdings darin, wohngruppenähnliche Gebilde für zwanzig demente Patienten in zwanzig Einzelzimmer einzurichten. Solche Gruppen stoßen notgedrungen auf ihre Grenzen. Michael Schmieder ist ein Pionier in Sachen würdevoller Umgang mit demenziell erkrankten Menschen. Er weist sehr wohl machbare Wege auf, die eine spürbare Verbesserung in der Pflege und Betreuung ermöglichen. > Dement, aber nicht bescheuert < ist verständlich und leicht zu lesen. Zu der Thematik, ein sehr wichtiges Buch! Große Leseempfehlung!

Ullstein Buchverlage 7 ISBN: 9783548377100 / 219 Seiten

Michael Schmieder leitet das Heim Sonnweid, das als eine der besten Pflegeeinrichtungen für Demenzkranke weltweit gilt. Sein erklärtes Ziel ist es, den Patienten ihre Würde wiederzugeben.

Herr Siegel

Foto – Sabine Krass

An einem sonnigen Tag klopfe ich an die Zimmertüre von Herr Siegel, auf ein >Ja bitte< trete ich ein. Er liegt sehr verbogen auf seinem Bett. > Hallo Herr Siegel, ist alles in Ordnung?> Sein Mund verzieht sich und er antwortet> Ja, im Moment ist das meine angenehmste Lage.> und lacht. Erleichtert frage ich> Ich wollte sie zu einer kleinen Spazierfahrt abholen. Haben sie Zeit und Lust ?< Er lächelt < Jawohl gerne<.

Den Rollstuhl schiebend, machen wir uns auf in den nahegelegenen Stadtpark. Es ist kein leichtes Unterfangen, da Herr Siegel von seiner Parkinson – Erkrankung schwer beeinträchtigt ist. Er kann zeitweise weder sitzen, liegen oder gar gehen. Starke Schmerzen nehmen von jetzt auf nachher von ihm Besitz.

Im Stadtpark angekommen, suchen wir im Schatten einen Platz zum rasten. Wir finden ihn in der Nähe eines kleinen Baches. Beide lauschen wir den Geräuschen des Wassers zu. Herr Siegel erzählt mir von seinen Kindheitstagen in einem mir vertrauten Ort.> Wir waren ein paar Jungs die sich nach der Schule immer am Flußufer trafen, das war nach dem Krieg. Wir haben Lianenstengel geraucht. < Ich lache auf > Genau das haben wir auch gemacht!“ ( Viele Jahre später ) Herr Siegel strahlt mich an und wir lachen gemeinsam. > Und dann kam da eines Tages ein Erwachsener dazu, der hatte den Krieg erlebt und zeigte uns, wie wir aus Holunderstengeln und Walnusshälften eine Pfeife bauen kann. Geraucht haben wir getrocknete Walnussblätter. Pfui war das ekelig! > Wir schauen gemeinsam in die Natur mit einem Lächeln im Gesicht.

< Herr Rudolf <

Als ich die Bürotüre öffne und in den Flur trete, steht Herr Rudolf dort und lächelt mich hoffnungsvoll an. Er steht mit den Händen an seinen Rollatorgriffen haltend da und versucht die Balance zu halten. Herr Rudolf hat Parkinson, er nimmt an den Gruppenaktivitäten nicht teil, er schämt sich. Die anderen Bewohner haben ihn ausgelacht und kritisiert, da er sehr zeitverzögert auf Fragen antworten kann. Jedoch sind seine Antworten stets intelligent und mit einer Brise Schalk gewürzt. Herr Rudolf bekommt Einzelbetreuung, zu zweit gehen wir auf die Dachterasse oder verweilen am großen Panoramafenster und plaudern. Herr Rudolf war beruflich erfolgreich und hat viel gemalt. Das gehört schon lange der Vergangenheit an.
Nun steht er vor mir, mit einem Lächeln und blickt dann auf das liegende Telefon auf seinem Rollator.
The same procedure as every time…….wir verstehen uns ohne Worte. Ich blicke auf meine Uhr, 17 Uhr ist es, gut dann könnte seine Tochter Susanne schon zu Hause sein.
Ich bitte ihn auf der Bank platz zu nehmen und wähle die Nummer an, beim Freizeichen reiche ich das Telefon an Herrn Rudolf weiter und entferne mich diskret. Ich höre ihn reden : “ Ja hier ist Papa………..“

< Karl <

Ich besuche Karl, einmal die Woche für zwei Stunden, in meiner Tätigkeit als Hospizbegleitung. Karl und ich, wir haben uns gleich sehr gut verstanden. In den zwei Stunden entlaste ich seine Frau Gerda, sie geht dann ins Hallenbad schwimmen. Karl und Gerda waren schon immer ein sehr reges und sportliches Paar. Schwimmen, wandern, walken und gerne auf Reisen. Das kann Karl seit fast 3 Jahren nicht mehr, er ist sehr schwer Herzkrank, alles strengt ihn immens an. Damit hadert er jetzt, dass er nicht mehr so kann wie er möchte, mit seinen fast 80 Jahren. Großgewachsen und ausgezehrt sitzt er neben mir in seinem Rollstuhl. Das Wohnzimmer scheint auf Anschlag beheizt. Doch Karl friert noch trotz der Decke über seinen Beinen. Er bittet mich den Heizlüfter zusätzlich einzuschalten, mir rollen die Schweißperlen den Nacken herunter. Karl sieht gerne fern, der Ton ist laut damit er auch etwas verstehen kann. Mittendrin unterhalten wir uns über sein Lieblingsthema: Autos. Er erzählt von seiner Lehrzeit, von seinen Fahrzeugen und seiner Leidenschaft, das Motorrad fahren. Bei seinen Erzählungen entstehen häufiger Lücken weil ihm die passenden Worte nicht einfallen möchten. Er entschuldigt sich oft. Ich erkläre ihm, das es keine Eile hätte, ich habe Zeit für ihn. Er stützt seinen Ellenbogen auf die Rollstuhllehne und neigt den Kopf auf seinen erhobenen Handrücken, er scheint zu überlegen. Nach ein paar Minuten, hebt er den Kopf und fragt > Ist das bei euch auch so?< ich warte auf eine weitere Ausführung. Karl nochmals > Ist das bei euch auch so ?> > Was genau < frage ich nach. > Ist das bei euch auch so, dass der Auspuff hinten ist < Ich gebe zu, ich bin im ersten Moment recht verblüfft über diese Frage. > Ja Karl, bei unserem Auto ist das auch so < Karl strahlt mich an. Ich mag ihn.

> Anna <

Ich klopfe drei Mal an die Zimmertüre von Anna B., sie wird mir nicht antworten, denn Anna B. redet kaum noch. Mal ein > Heija < oder ein > Jaja < mehr spricht sie nicht mehr. Anna B. ist 88 Jahre und lebt seit 8 Jahren in einem Altenpflegeheim. Die Demenz hat sie so sehr in Besitz genommen, dass ich sie an manchen Tagen nicht erreichen kann. Sie reagiert auf kein Wort, selbst die Geheimwaffe Musik besitzt dann keinerlei Wirkung. Ich trete in das Zimmer, ein Geruch von Urin fliegt mir entgegen. Leichte Übelkeit keimt bei mir hoch. Ich begrüße laut Anna B. und erkläre ihr, dass ich das Fenster kurz kippe. Sie antwortet mit > Jaja <. Das ist ein gutes Zeichen. Ich stelle mich wieder einmal mit Namen vor und nenne ihr den Wochentag und das Datum. Anna B. grinst und lacht, ihre Augen strahlen. Da muss man einfach mitlachen. Ihr Blick richtet sich geradeaus. Ein Familienbild, hängt in DinA 3 Größe, gerahmt an der Wand. Ich schaue mit und erwähne lobend und positiv die große Familie die sie hat. Auf dem Bild sind 14 Familienmitglieder zu sehen, Erwachsene und Kinder. Die Aufnahme dürfte schon ein paar Jahre alt sein. Zwei der Personen vom Bild habe ich selbst zwei – dreimal gesehen, die anderen sind mir gänzlich unbekannt.Ich stimme > Die Gedanken sind frei < an, Anna B. fängt zu lachen an und dreht den Kopf zu mir. Sie summt eine Melodie, ihre Melodie. Die Freude hat sie in Besitz genommen und wir beide machen einfach so weiter. Heute ist ein guter Tag, wir machen gemeinsam Musik.

> Ruth <

Ruth erzählt von ihrem Leben, sie ist 93, sie mag nicht mehr. Hadert mit dem Rollstuhl, sie kann nicht mehr gut gehen, jeder Schritt schmerzt sie ungemein. Mit 30 Jahren stürzte sie vom Kirschbaum, ein Ast brach vom Baum und sie sich die Ferse. Im Laufe ihres Lebens kamen Herzbeschwerden dazu, dies führte, dass sie mit 83 eine neue Herzklappe bekam. > Ich hoffte inständig, das ich nach der Operation nicht mehr aufwache.“
Auf meinen Einwand, wie wertvoll das Leben und das es doch enorm sei, ein so stattliches Alter zu erreichen, winkt sie ab. Nein, so schön war ihr Leben nicht. Der Krieg und die Entbehrungen. Die Nachbarn in ihrem kleinen Dorf, die mißgünstig und nationaltreu waren. Ihre Ehe die Kinder – und Lieblos blieb. Die immens viele und mühselige Arbeit auf dem elterlichen Hof, den sie dann später übernahm. Ruth kämpft mit den Tränen, sie mag nicht mehr. Das Leben hat ihr nicht gut mitgespielt. Ich versuche sie auf schöne Ereignisse und Momente zu lenken. Sie scheint sie verdrängt zu haben. Nun sitze sie in einem Altersheim, am liebsten in ihrem Zimmer, denn in den gemeinschaflichen Räumen hält sie es nicht aus. Zuviel Demente. Ihr verstorbener Mann war dement, Ruth hat ihn lange betreut und gepflegt. Sie kann diese Menschen hier und diese Erinnerung nicht ertragen. Ihr Haus mit Anwesen soll nun verkauft werden. Ihre Nichten und Neffen wollen es nicht. Zu weit weg vom Schuß. Ruth hat trotz ihrer harten Worte einen freundlichen Blick. Ihre Augen wirken verschmitzt. Sie liest jeden Tag die komplette Tageszeitung und ist politisch bestens informiert. Sie kann sich nicht mehr selbst versorgen, darum ist sie hier. Ihre Hoffnung auf eine Kurzzeitpflege wurde ihr genommen. Auf meine Frage ob ich sie ab und an besuchen dürfe, verändern sich ihre Augen, freundlich und geradezu leuchtend. Oh ja, antwortet Ruth, da würde sie sich sehr freuen. Sie mag gute Unterhaltung, auch wenn sie heute fast nur geredet hat, bemerkt sie fast entschuldigend. Zum Abschied drücken wir uns die Hand und lächeln uns an. Auf bald Ruth !

> Herzstücke <

Ich möchte mit der Seite > Vergißmeinnicht < der vergessenen Generation, das bedeutet Menschen, die vor und um 1940 geboren sind, eine Stimme geben. Hier gebe ich Geschichten und Erzählungen dieser Generation weiter. Die Namen sind frei erfunden !